Manche meinten, als Furtwängler gestorben war, hätte Joseph Keilberth sein Nachfolger werden müssen. Tatsächlich dirigierte Keilberth und nicht Karajan das Gedächtniskonzert der Berliner Philharmoniker für den siebzigjährigen Furtwängler und die Uraufführung seiner nachgelassenen Symphonie. In Furtwänglers angestammtem Bereich, das heißt mit der Darstellung Beethovens, legitimierte sich Keilberth schon, als er während der dreißiger Jahre zum erstenmal als Gast aus Karlsruhe in der Berliner Philharmonie erschien. Zwar war der neue Klang einer jüngeren Generation damals so wenig zu überhören wie heute, wenn Keilberth in Bayreuth Richard Wagners Musik dirigiert. Aber die männliche Kraft, die Frische und Bewegtheit, mit der dieser Musiker die Form und nicht eine Deutung hinstellte, das hatte von Anfang an auch eine echte Beziehung zum Geist der großen Tradition. So ist es nicht verwunderlich, daß Keilberth heute in seinen Hamburger Philharmonischen Konzerten konsequent einen bestimmten Programmteil jener "Zwischengeneration" einräumt, der sich der hamburgische Generalmusikdirektor innerlich verbunden fühlt: Reger, Mahler, Pfitzner, Strauß.

Keilberth ist ebenso alt wie Karajan. Sie wurden 1908 geboren. Doch an Keilberths Nam’ und Art haftet gar nichts Sensationelles. Vom Weltpodium Bayreuth aus, wo er die Hauptlast der musikalischen Leitung trägt, dringt sein Ruhm in aller Herren Länder. Indessen steht der breitschultrige Mann selbst, ein junges, frisches Gesicht unter weißmeliertem Haar, irgendwo abseits mit einem Bekannten im Gespräch, von niemandem bemerkt, während als Stars der Pausen-Publicity die Begum und die Sänger umringt werden. Wer Keilberths Neigungen kennt, der weiß, daß ein Zufluchtsort für ihn seine Bibliothek ist, daß Schopenhauer und Thomas Mann dort seine bevorzugten Gesellschafter sind.

Dieses innere Wesensbild tritt mit zunehmenden Jahren auch als Erscheinungsbild hervor. Anfangs machte Keilberth eher den Eindruck eines vorwiegend musikantischen, vitalen, fast vierschrötigen Mannes. Mit drei Sprüngen vollzog sich sein Aufstieg. In Karlsruhe, seiner Vaterstadt, begann Joseph Keilberth mit 17 Jahren als Korrepetitor am Badischen Staatstheater. Mit 27 wurde er Generalmusikdirektor dieses Instituts, mit 37 musikalischer Oberleiter der Dresdener Staatsoper. Das war allerdings im Jahre 1945, als das zerstörte Dresden von den Russen besetzt war. Dazwischen lag Prag. 1940 hatte Keilberth den Auftrag erhalten, ein Deutsches Philharmonisches Orchester in Prag zu gründen und zu leiten – eine heikle Aufgabe. Dieser junge, künstlerische Repräsentationskörper des Deutschtums hatte – von der politischen Hypothek ganz abgesehen – die Konkurrenz der berühmten Tschechischen Philharmonie unter Vaclav Talich abzuhalten. Hier konnte sich nur ein Vollblutnusiker und ein Kämpfer wie Keilberth behaupten. Bei Kriegsende müssen seine persönlichen Erlebnisse dann entsetzlich gewesen sein. Daß mit 37 Jahren sein Haar ergraute, führt Keilberth auf jene Ereignisse zurück. Als sich noch im Jahre des Zusammenbruchs die Dresdener Opernleitung und daneben regelmäßige Gastspiele an der Ostberliner Oper als Brücke des Entkommens anboten, dürfte sich Keilberth keiner Täuschung mehr hingegeben haben. Den "Nationalpreis" der Sowjetzone, mit dem er dekoriert wurde, gab er sofort an die Dresdner Staatskapelle weiter – ein für die Machthaber peinlicher Präzedenzfall, der sofort für die Zukunft unterbunden wurde. 1951 nahm Joseph Keilberth dann den Ruf nach Hamburg als Leiter des Philharmonischen Staatsorchesters und seiner Symphoniekonzerte an.

Aus der Prager Saat ist aber doch noch eine deutsche Frucht gereift. Als "Bamberger Symphoniker" sammelten sich die Reste von Keilberths Prager Orchester in Franken. Es komplettierte sich zu einem hervorragenden Konzertorchester. Keilberth übernahm neben seiner Hamburger Tätigkeit wieder die Oberleitung und führte dieses inzwischen international renommierte Ensemble bis nach Amerika. So ist Keilberth, auch darin Furtwängler vergleichbar, hauptamtlich zum Konzertdirigenten geworden, ist die Oper in Bayreuth und mit den Münchner Festspielen an den allerdings bedeutungsvollen Rand seiner Tätigkeit gerückt. Günther Rennert sicherte sich neuerdings die außerordentliche Potenz des Operndirigenten Keilberth wenigstens mit einem Gastvertrag für die Hamburgische Staatsoper. Als Keilberth in diesem Rahmen Mozarts "Così fan tutte" einstudiert hatte, da spürten beglückt auch in Hamburg Sänger und Hörer: Fast noch mehr als im Spiel mit den Instrumenten blüht Keilberth auf, gibt er Letztes beispielhaft in der Führung menschlicher Stimmen. Max Pahl