Zg., Karlsruhe

Im Jugendwohnheim in der Amalienstraße 33 sollen die Jungen nicht nur gegen "schlechten Milieueinfluß" abgeschirmt werden. Sie sollen an all das herangeführt werden, was sie im Leben erwartet. Der Versuch ist gut angelaufen. Theater, Lichtspielhäuser, Museen, Schwimmbäder und Sportvereine halten oft Freikarten für die Amalienstraße bereit. Man bemüht sich, den Jungen Arbeitsstellen in krisenfesten, soliden Betrieben zu vermitteln, wo sie richtig heimisch werden können.

Die Devise des 28jährigen Heimleiters ist: Wir wollen aus den Jungen keine "mustergültigen Heimzöglinge" machen, sondern ihnen dabei helfen, sichere, selbstbewußte, frohe und zufriedene Menschen zu werden. Die Hausordnung beruht auf gegenseitiger Rücksichtnahme. Wer abends länger ausbleibt, als verabredet ist, der weiß: die Heimleiterfamilie geht nicht eher schlafen, bis der letzte im Haus ist. Der Gedanke, daß sie erwartet werden, stärkt das Verantwortungsgefühl der Jungen.

"Man kann bei einem derartigen Heim keine Erfolgsrechnung aufstellen", meint der Jugendrichter. Der Heimleiter sagt: "Wir erleben hier keine plötzlichen Bekehrungen." Die Jungen sind. in ihrem Urteil nicht so zurückhaltend. "Wenn ich mich zu Hause so über alles hätte aussprechen können wie hier im Heim, wäre ich gar nicht hier gelandet", versichert ein 17jähriger, hochgewachsener Bursche. Ein anderer sagt: "Zu Hause habe ich mich nie so wohl gefühlt wie hier." Einige sehen es auch ganz sachlich: "Billiger kann man gar nicht leben, und man weiß nach der Arbeit, wo man hingehört."

Das "Haus von Rocki-Docki" nennen die zwölf Jungen die Amalienstraße 33. Es ist ein altes, graues Gebäude im Stadtzentrum. "Wir haben auch schon manchen Sturm erlebt", lachen die Jungen und pfeifen den Schlager vom "Rocki-Docki", dessen "Haus so manchen Sturm erlebt" hat. Aber auf dem Schreibtisch des Jugendrichters liegen schon die Pläne für den Ausbau eines Hauses, das ihm die Karlsruher Stadtverwaltung jetzt für die Jungen zur Verfügung gestellt hat. Schöner und größer als das "Haus von Rocki-Docki", das heute in Baden-Württemberg das einzige Heim dieser Art ist, das seine Existenz der Initiative des Karlsruher Jugendrichters Dr. Kübel verdankt, der nach dem juristischen sofort das menschliche Problem zu lösen versuchte.