Den ganzen Abend lang quälte sie ihn, diese widerwillig erlebte Zeugenschaft, und war doch weiter nichts geschehen, als daß zwei Dutzend Flaschen Bier am Boden zerscherbten. Aber immerfort mußte er denken, daß es ja auch Menschen hätten sein können. Und was ihn verstörte, war nicht allein dieser Gedanke selber, sondern nicht minder das ungelöste Rätsel, wie dieser Gedanke überhaupt hatte entstehen und sein Herz so ausschließlich hatte erfüllen können.

Gegen halb sechs Uhr hatte der Hunger ihn gepackt, und da die Kollegen nicht vor beendeter Arbeit, kurz vor Mitternacht also erst, zum Essen gehen wollten, entschuldigte er sich und eilte hinauf in das Restaurant. Es war ein großes, einladend an den Hang gelehntes Restaurant, gedacht und gebaut für die Abende, wenn die Innenstadt mit einem motorisierten Rülpser ihre Menschen an den Stadtrand speit, ein Restaurant mit mehreren Sälen und einer schmalen Terrasse vor der ganzen Länge dieser Säle. Innen saß noch niemand, aber auf der noch sonnenhellen Terrasse waren alle Tische, wenn auch schütter, besetzt, nur der letzte war frei, und dort nahm er Platz. Er fühlte sich elend; des Hungers wegen einmal, sodann aber auch, weil er keinen besseren Platz gefunden hatte: er saß, im Rücken die Terrasse, die Aussicht zur Rechten durch emporwucherndes hohes Buschwerk verstellt, mit dem Gesicht zu einer unverputzten Ziegelwand, in der eine Tür durch einen Flur zu den Wirtschaftsräumen führte; Kellner gingen aus und ein. Andre hantierten an den Serviertischen links von ihm, bewegten sich mit der trägen Nervosität, die des bald zu bewältigenden Ansturms gewärtig ist. Endlich bediente man ihn mit kaum verhehltem Widerwillen, und er bestellte einen kalten Braten und dazu ein Glas Wein.

Flüche mitkauend, so hatte er gegessen, seine Pfeife rauchend saß er beim Rest des Weines, als es passierte: Eine offene Kiste Bier, deren etliche anscheinend, durch die Mauer ihm verborgen, in dem Flur gleich neben der Türe gestapelt waren, eine dieser Kisten, sei’s durch einen ungeschickten Handgriff, sei’s durch eine von hastenden Schritten herrührende Erschütterung des Boden, war heruntergefallen, krachend schlug sie auf die Fliesen, und mit kaum merklichem Abstand, als berste dieser eine hölzerne Schlag und zersplittre in zahllose kleine, gläserne Bestandteile, zerklirrten die Flaschen auf dem steinernen Grund. Bier rann rundum. Ärgerliche Worte, der Gäste wegen sogleich unterdrückt, wurden hinterher Mauer im dunklen Flur laut; aber kaum einer der Gäste hatte den Vorgang wahrgenommen, die wenigen, die den Krach gehört, maßen ihm keine Bedeutung bei; einzelne Köpfe, kurz gehoben und gewendet, neigten sich wieder über die Teller und Gläser. Er allein, da er der einzige war, dem der Blick durch die Tür offenstand in den Flur, wo die Scherben über die Fliesen schlidderten, er allein sah mit an, was geschah. Inmitten der nun zur Ruhe gekommenen Scherben lag eine Flasche scheinbar unversehrt, diese Flasche drehte sich, und da sah er, daß der Boden herausgebrochen war; sie drehte sich unablässig, inmitten der unbewegt liegenden Scherben, lautlos, in immer gleichem Tempo. Und eine andere Flasche, scheinbar ebenso unversehrt, lag da, inmitten der Scherben, doch aus dem gesprungenen Hals stiegen kleine Bläschen, quirlten und sprudelten heraus, zerplatzten. Achtsam die Füße zwischen die spitzsplittrigen Reste der Flaschen setzend, trat groß, in braunem Straßenanzug, der Geschäftsführer in die Tür, schaute prüfend, mit getarntem Generalstabsblick, über die Terrasse hin, zog dann, sichtlich befriedigt, die Türe, dahinter verschwindend, so weit zu, daß zwar noch Licht in den Flur fiel, anderseits aber die Gäste nicht in den Flur hineinsehen konnten; nur von dem Tisch nächst der Wand, an welchem er, der einzige Zeuge, saß, gelang noch ein Blick durch den fußbreiten Spalt. Bedienstete machten sich nun dahinter zu schaffen, und als einer von denen die Flasche, die sich immer noch, wenn jetzt auch mit erschlaffendem Tempo, drehte, vom Boden aufhob, da sah er von seinem Platze aus, daß unter dem Raum ihrer Drehung ein kreisrunder Fleck völlig trocken geblieben war. Und die Flasche, aus deren Hals die Bläschen sprudelten, sah aus wie ein Fisch, den man aufs Trockene gezogen hat. Ja, wie Fische auf dem Trockenen, so lagen die Flaschen da, bis sie – das ging nun plötzlich sehr flink, wie eingeübt – bis sie weggeräumt, bis die Scherben und endlich die Splitter weggekehrt waren und bis das ausgeronnene Bier, nun schon eine einzige Lache, welche, so weit er sehen konnte, fast kleinfingerdick den Flur überflutete, mit Tüchern aufgewischt wurde. Er zahlte und ging, vor sich das Bild der zerscherbten Flaschen, schon zweifelnd, ob es wirklich nur Flaschen und nicht doch Fische gewesen waren, und er mußte denken, daß es ja auch Menschen hätten sein können, die da zu Schaden gekommen waren und deren Überreste man da beiseite schaffte, dieweil, nach einem prüfenden Blick des Geschäftsführers, der Betrieb im Lokal so weiter ging, als sei nichts geschehen – was diesmal zwar zutraf, gerade dadurch aber ihn eben das denken ließ, was er dachte; indessen, das wußte er nicht, so daß er allmählich wähnte, des Rätsels Lösung bestehe in gar nichts anderm als in dem Rätsel selbst. Womit denn in seinem Denken Wirklichkeit wurde, was das geschaute Ereignis bloß bedeutet hatte.