Pet., Hamburg

Die Züge von Lübeck nach Hamburg sind morgens überfüllt, und mit den Zügen in der entgegengesetzten Richtung, ist es am Abend nicht anders. Immer wieder sieht man dann das gleiche Bild: in den Dritter-Klasse-Wagen stehen die Leute dichtgedrängt auf den Gängen, weil in den Abteilen alle Plätze besetzt sind. Mehr oder weniger ausgeschlafen lassen sie sich von der Bundesbahn zu den Anstrengungen des täglichen Dienstes fahren oder kehren am Abend müde zurück.

Nicht selten sieht man unter diesen Unglücklichen auch alte und schwache Leute. Ein paar Schritte weiter aber, in den Wagen der zweiten Klasse, herrscht – nun nicht eben gähnende Leere, aber jedenfalls Unterbesetzung, die manchmal etwas Provozierendes an sich hat.

Gewiß, diese Leute haben für ihre Bein- und Ellenbogenfreiheit bezahlt, und ein Gefühl bohrenden Ärgers wäre erklärlich, wenn die Leute aus der dritten Klasse mir nichts, dir nichts in die zweite eindrängen und dort, indem sie Geräusch machen, selbstverständlich tun und die relative Reinlichkeit der Luft vermindern, kurz, durch die unvermeidlichen Kriterien ihrer Anwesenheit die, die doch eben mehr bezahlt haben, um den erkauften Vorteil brächten. Niemand kann das wollen. Andererseits ist nicht einzusehen, warum diejenigen, die beim Einsteigen mit weniger Rücksichtslosigkeit gedrängelt haben, nun die ganze Fahrt über stehen sollen.

In dieser zweischneidigen Situation kann nur ein Kompromiß eine befriedigende Lösung bringen. Er würde etwa so aussehen, daß die Stehgaste der dritten Klasse solange bleiben, bis der Schaffner kommt und das ungleiche Besetzungsverhältnis in den beiden Klassen konstatiert. Dann könnte er die Fahrgäste der zweiten Klasse in seiner bekannten höflichen Art fragen, ob einige freigebliebene Plätze von den zu kurz gekommenen Mitfahrern der anderen Klasse besetzt werden dürften.

Tatsächlich trifft man alle Jubeljahre einmal einen Schaffner, der im Sinne dieses Kompromisses handelt, und man ist ihm für seine Großherzigkeit dankbar. Man ist aber auch besorgt, daß sie ihm einen Tadel seiner Vorgesetzten einbringen könnte. Von dieser Sorge kann uns nur die Direktion der Bundesbahn befreien, dadurch nämlich, daß sie diese Großherzigkeit per Dienstanweisung legitimiert.