Pastoren, Politiker und Diplomaten sprechen über Koexistenz

Loccum, im März

In jenen Tagen, als es noch keine Sozialversicherung gab und Gutsherrinnen sich noch persönlich um die Sorgen der Gutsarbeiter und ihrer Familien kümmerten, begab es sich, daß eine ehrbare und energische Dorftochter Ostelbiens den größten Tunichtgut und Säufer der Gegend zu ehelichen beschloß. Die Gutsfrau fragte die junge Braut besorgt, ob sie auch wisse, was sie tue. "Ich weiß, wie er ist", war die Antwort, "aber so wie er ist, kann er natürlich nicht bleiben."

Der "russische Mensch"

An diese Geschichte mußte ich während der Tagung der Evangelischen Akademie in Loccum denken, die dem "Problem der Koexistenz zwischen Ost und West" gewidmet war. Es ging auch hier darum, ob man eine Koexistenzehe mit dem Osten, "so wie er ist", riskieren könne oder ob man warten solle (und könne), bis er sich gebessert habe. Die Tagung zeigte, daß viele Mißverständnisse zu vermeiden wären, wenn bei allen Diskussionen über Koexistenz, Wiedervereinigung, Entspannung, Weltfrieden zunächst einmal die Frage gestellt und beantwortet würde: "Von welchem Rußland ist eigentlich die Rede, dem vergangenen, dem jetzigen oder dem zukünftigen?" Nur wer überzeugt ist, der "russische Mensch" sei von Natur ein unverbesserlicher Nihilist und so an die Knute gewöhnt, daß er zu den westlichen Begriffen von Freiheit, Recht und Menschenwürde doch niemals einen Zugang finden könne (auch diese Ansicht wurde in Loccum vertreten), wird die Frage nach den Entwicklungsmöglichkeiten des Sowjetregimes und damit nach der Zukunft Rußlands überflüssig finden.

Pastor Hans Bolewski, der die Tagung mit Humor, Geschick und menschlicher Wärme leitete, hätte gern auch einen Vertreter des Ostens unter den Referenten gesehen: dann wäre die Veranstaltung dem Anspruch, eine "internationale Arbeitstagung" zu sein, in noch höherem Maße gerecht geworden. So waren nur der Westen und Asien vertreten: Die Vereinigten Staaten durch ihren Kulturattache Professor Chester V. Easum, Indien durch seinen Bonner Presseattaché, Dr. Mookeryee, England durch Legationsrat Sykes und die Schweiz durch den Chefredakteur der "Basler Nachrichten" Peter Dürrenmatt. Als Vertreter des Genfer Weltkirchenrats war Dr. Paul Abrecht (USA) anwesend.

Man kann nicht sagen, daß der Diskussion Farbe und Leidenschaft fehlten, weil der Osten nicht vertreten war. Die Meinungsverschiedenheiten innerhalb des nichtkommunistischen Lagers genügten vollauf, um dem Gespräch Würze und bisweilen auch Schärfe zu geben. Daß dabei auch aneinander vorbeigeredet wurde, war wohl unvermeidlich, denn derartige Tagungen sind ja keine wissenschaftlichen Seminare, bei denen sich jeder streng an ein bestimmtes Thema halten muß. Ihr Sinn und ihre Bedeutung liegen unter anderem darin, daß jeder, der etwas auf dem Herzen hat, zu Wort kommen und seinen Gefühlen Luft machen kann, selbst wenn der Tagungssaal dann zeitweise ein wenig an die Volksrednerecke des Londoner Hydeparks erinnert.