l. i., Dresden

Wer an Dresden denkt, denkt auch an die Oper. Doch ihr Glanz ist erloschen. Nach 1945 führte Josef Keilberth sie noch einmal auf eine seither nie wieder erreichte Höhe. Mit seinem Ausscheiden begann eine bis zur Stunde noch nicht beendete Abwanderung prominenter Künstler nach dem Westen. Die Oper wurde zum Provinztheater.

Unberührt von diesem Abstieg blieb die Staatskapelle, deren Sinfoniekonzerte höchstes Niveau haben. Aber es fehlt ihr ein ständiger Generalmusikdirektor von Rang, was auch einer der Gründe dafür ist, daß es nicht zur Bildung eines neuen, hochwertigen Ensembles kommt. Drei wenig profilierte Dirigenten präsidieren alternierend dem Orchester, das sich nur durch dir Arbeit vieler bedeutender Gastdirigenten seinen Ruf erhalten kann. Neben der "Kapelle" leisten die Philharmoniker unter Professor Bongartz, besonders durch die Pflege des musikalischen Gegenwartsschaffens, einen anerkennenswerten Beitrag. Der Kreuzchor unter Professor Mauersberger pflegt die musica sacra. Daneben gibt es zahlreiche fähige und rührige Kantoren, die der Kirchenmusik ein breites Fundament sichern. Die Aufgeschlossenheit gerade gegenüber der geistlichen Musik ist nicht überraschend. Der Zonenalltag schafft ein besonderes Bedürfnis nach seelischer Erquickung.

Das neu gegründete Dresdner Kammerorchester und das Wiederauftreten des berühmten Roth-Quartetts wurden mit Freude begrüßt. Gastspiele berühmter in- und ausländischer, Gesangs- und Instrumentalsolisten ermöglichen im Rahmen der "Stunde der Musik" wertvolle Vergleichsmöglichkeiten.

Die Landesbühne Sachsen, in Dresden ansässig, besteht aus einem Opern- und einem Schauspielensemble. Sie bereisen die Zone und spielen dort Theater, wo man es bisher nur vom Hörensagen kannte. Auch das Staatliche Operettentheater in Dresden-Leuben hat regen Zulauf. Viele Dresdner ziehen eine gute Operetten- einer schlechten Opernaufführung vor.

Was vermißt der Dresdner Musikfreund? Moderne, die echten Probleme unserer Gegenwart verdeutlichende Werke, besonders Opern. Die SED billigt, vor allem in der wortgebundenen Musik, abgesehen von der Kirchenmusik, Modernes, Neues nur dann, wenn es völlig problemlos ist oder wenn es die herrschende Ideologie bestätigt und propagiert.