Von E. Robert Singer

New York, Mitte März

Von den drei Hauptindustrien des Landes, der Automobilindustrie, der Bauindustrie und der Stahlindustrie, ist zur Zeit nur die Stahlindustrie voll beschäftigt. In der Autoindustrie ist die Gesamtherstellung im laufenden Jahr bisher um 13 v. H. gegenüber der Vergleichszeit 1955 zurückgeblieben. Eine solche Entwicklung war von den führenden Autoindustriellen bereits um die Jahreswende vorausgesagt worden. Und wenn es nicht noch zu erheblich weitergehenden Produktionskürzungen kommen sollte, die man nicht erwartet, ist im laufenden Jahre immer noch mit befriedigenden Ergebnissen für die Autoindustrie zu rechnen. Bedenkt man aber, daß die Automobilwerke in ihrer Gesamtheit die größten Abnehmer von Rohmaterialien, von Teilfabrikaten und von sonstigem Produktionszubehör hier im Lande sind, so sollte man von einem 13prozentigen Rückgang ihrer Produktion schon gewisse Auswirkungen auf die übrige amerikanische Wirtschaft erwarten. Hinzu kommt, daß seit einiger Zeit eine rückläufige Tendenz auch im Wohnungsbau zu beobachten ist: im Dezember 1954 war mit dem Bau von 1 478 000 Wohnhäusern begonnen worden, im Dezember 1955 aber nur mit 1 187 000; das sind fast 20 v. H. weniger.

Ein gewisser Rückgang im Produktionsvolumen der USA wäre unter diesen Umständen nicht gerade überraschend gewesen. Tatsächlich aber ist das Gegenteil eingetreten, und der Produktionsindex des Federal Reserve Board ist im Januar noch um weitere zwei Punkte auf 143 v. H. des Durchschnitts der Jahre 1947 bis 1949 gestiegen. Gewisse Aufschlüsse für diese Entwicklung ergeben sich aus der derzeitigen Situation in den Stahlwerken. Im Januar ist mehr Stahl in den USA erzeugt worden als in irgendeinem früheren Monat, und trotzdem waren die neu eingehenden Aufträge immer noch größer als die Auslieferungen. Von Seiten der stahlverarbeitenden Industrien sind Aufträge abgelehnt worden, und zwar deshalb, weil ihnen die für die Ausführung erforderlichen Stahlmengen nicht zur Verfügung standen. Mit einer baldigen Behebung der derzeitigen Stahlknappheit ist nicht zu rechnen. Für die kommenden Monate wird eine anhaltend große Nachfrage nach Stahl erwartet. Teilweise dürfte sie dadurch begründet sein, daß man mit Stahlpreiserhöhungen im Sommer – nach den diesjährigen Lohnverhandlungen mit den Gewerkschaften – rechnet. Aber bedeutungsvoller als diese "Antizipationskäufe" erscheinen in diesem Zusammenhang die Aufträge, die auf Grund der großen Nachfrage nach den verschiedensten Arten von Produktionsgütern und Konsumartikeln von seiten der verarbeitenden Industrie placiert werden.

Schon im Wirtschaftsbericht des Präsidenten vom Januar hieß es, daß das amerikanische Publikum im laufenden Jahre wohl größere Mittel als bisher für Wohnungseinrichtungen und für Konsumwaren aufwenden, aber kaum so viele Autos kaufen würde wie in 1955. Weiterhin wurde von den steigenden Aufträgen für Lokomotiven und Güterwagen, für Werkzeugmaschinen und für Turbinen berichtet und von den Expansionsplänen der Industriegesellschaften, deren Produktionskapazität sich vielfach schon während der Hochkonjunktur des vergangenen Jahres als unzulänglich erwiesen hatte. Die Lagerhaltung wurde – abgesehen von den Beständen in der Autoindustrie, die gerade zu den Produktionseinschränkungen der letzten Zeit geführt haben – im Verhältnis zu den Umsätzen als niedrig bezeichnet, und zwar bei den Fabrikanten ebenso wie im Handel. Unter diesen Umständen wurde erwartet, daß hohe Beschäftigtenzahlen, hohe Einkommen und ein hohes Produktionsvolumen auch im laufenden Jahre bestehen bleiben würden.

Sehr ähnliche Auffassungen kamen im Februar-Bericht der First National City Bank of New York zum Ausdruck. Auch danach ist anzunehmen, daß die Rückgänge in der Autoindustrie und im Wohnungsbau durch größere Aktivität in anderen Produktionszweigen wettgemacht werden, und daß – abgesehen vom Wohnungsbau – vielleicht sogar noch größere Aufträge an die Bauindustrie vergeben werden als 1955: für Bürohäuser, Lagerhäuser, Fabrikneubauten und -erweiterungen. In gewissem Ausmaß wird allerdings gerade die Verwirklichung der industriellen Expansionspläne von den politischen Entwicklungen dieses Wahljahres beeinflußt werden. Man hält es für denkbar, daß diese Pläne hier und da gekürzt werden, wenn mit der Möglichkeit ernsthaft gerechnet werden, sollte, daß auf die jetzige Regierung im kommenden Jahre eine andere folgen wird, in deren wirtschaftliche Einsicht man weniger Vertrauen setzt als eben in die Eisenhower-Regierung.

In jedem Falle ist anzunehmen, daß die Kreditpolitik des Federal Reserve Board den Veränderungen auf den Geldmärkten und den wechselnden Erfordernissen der Wirtschaft so weit wie möglich angepaßt werden wird. Während noch im Januar von maßgebenden Stellen mit der Möglichkeit einer alsbaldigen weiteren Erhöhung des Diskontsatzes der Federal-Reserve-Banken gerechnet wurde, erwartet man das heute nicht mehr. In der Leitung des Federal Reserve Board scheint heute die Auffassung vorzuherrschen, daß inflationistische Tendenzen, die letzten Endes zu den verschiedenen Diskonterhöhungen des Vorjahres und zu der restriktiven Kreditpolitik geführt hatten, zur Zeit nicht mehr bestehen und auch für die nächste Zukunft nicht zu erwarten sind.