Etwas reichlich verspätet veröffentlicht die Pankower Regierung im Gesetzblatt ihren Erlaß zur "Entwicklung der Körperkultur und des Sportes" in der Sowjetzone Deutschlands. Diese Verlautbarung, die die offizielle Militarisierung der gesamten Leibesübungen bekanntgibt, ist sowohl von dem Verteidigungsminister als auch von dem zivilen Vorsitzenden des "Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport" unterzeichnet und soll die "patriotische Erziehungsarbeit", die bislang angeblich von der Sportbewegung stark vernachlässigt worden ist, auf eine ganz neue Grundlage stellen.

Es ist nichts dagegen einzuwenden, daß der Turnunterricht schon vor der allgemeinen Schulpflicht beginnen soll. Die Kleinkindergymnastik wurde schon früher gepflegt. Auch jede Woche ein zusätzlicher Sportnachmittag in der Schule wäre durchaus geeignet, unsere Kultusminister anzuregen. Auch die außerschulische Förderung des Sports und sportlicher Wettkämpfe ist nur zu begrüßen. Bei uns hapert es daran trotz aller Versprechungen. Aber diesen Förderungsmaßnahmen für die sportliche Betätigung steht eine Fülle erschreckender "Neuschöpfungen" gegenüber. Der Wehrsport unseligen Angedenkens erlebt seine Wiederauferstehung.

Wir kennen das alles zur Genüge und wissen, wohin es nach dem berüchtigten Motto: "Volk, ans Gewehr!" führen kann. Mit dem Kleinkaliberschießen, an sich ein schöner Sport, fängt es an; Gepäckmärsche folgen; und es endet in einer exakten Vorschule für den Militärdienst. Zur Förderung der Schießfreudigkeit der Bevölkerung in der Sowjetzone sollen in Zukunft neben den zahlreichen festen Schießständen der sportlichen Organisationen auf allen Rummelplätzen, bei allen Volksfesten, Erntefeiern und in Kur- und Badeorten Scheibenstände eingerichtet werden. Keulen-Zielwerfen wird obligatorisch; es ist geeignet als Vorübung für das Handgranatenwerfen. Die Schwimmer sollen vor allem das Flossenschwimmen üben, das im letzten Kriege von den Angehörigen der Kommandotrupps mit Erfolg bei Brückensprengungen angewandt wurjde. Auch das Wandern und Camping wird in dem neuen Sportprogramm ausdrücklich zur "Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft" empfohlen.

Neben der körperlichen Ausbildung werden dem sowjetzonalen Sportler zu seiner patriotischen Erziehung auch Referate über folgende Themen gehalten: "Überzeugung und Gewinnung der Sportler für den Sowjetstaat", "Aufklärung über die Notwendigkeit der nationalen Verteidigung und den Charakter der Volksarmee", "Kampf gegen die Abwerbungsversuche an Sportlern". Diese Vorträge haben die Trainer zu halten, die sofort einer entsprechend politischen Schulung unterzogen werden.

Es scheint uns an der Zeit, daß der Präsident des Deutschen Sportbundes, Willi Daume, im Namen aller deutschen Sportorganisationen noch einmal erklären sollte, der geringste Versuch, die Leibesübungen auch in der Bundesrepublik wieder in den Dienst einer vormilitärischen Erziehung zu zwingen, werde auf den geschlossenen Widerstand aller Sportler und Turner stoßen. Gerade jetzt, da der Kontakt zwischen West und Ost auf dem Gebiet des Sports enger werden soll, erscheint es uns um so notwendiger, diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs keinen Zweifel daran zu lassen, daß der Sport nicht zur vormilitärischen Wehrertüchtigung dienen darf. W. F. Kleffel