Dd., Wiesbaden

Zu fünf Jahren Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust verurteilte die Dritte Große Strafkammer des Landgerichts Wiesbaden den 24jährigen Josef Ossmann‚ der am 13. und 14. Mai 1955 zwei Raubüberfälle in der Wiesbadener Innenstadt begangen hatte. Das mit Ossmann befreundete Ehepaar M. wurde wegen Beihilfe zu je einem Jahr Gefängnis verurteilt.

Am hellen Vormittag des 13. Mai war ein maskierter, mit einer Pistole bewaffneter Bandit in das Lohnbüro einer Bergwerksgesellschaft eingedrungen und hatte einen Angestellten niedergeschlagen. Dann war er geflohen und hatte auf der Flucht mit Platzpatronen nach seinen Verfolgern geschossen.

Knapp vierundzwanzig Stunden später, am Morgen des 14. Mai, waren dann zwei junge Kerle, darunter der Maskierte mit der Pistole, in das Büro der Gärtnerkrankenkasse eingedrungen. Kassenleiter Adolf Widmann warf sich den stämmigen Burschen mutig entgegen. Als sich das Handgemenge, in dessen Verlauf der Maskierte zwei Schüsse auf seinen Gegner abgab und ihn verletzte, zuungunsten der Räuber entschied und weitere Hausbewohner hinzueilten, stellte der Komplice die bereits erbeutete Geldkassette wieder hin und suchte sein Heil in der Flucht. Der Bandit mit der Pistole aber sprang durchs Fenster des ersten Stockwerks und landete, nachdem ihm Widmann noch einen Stoß versetzt hatte, mit angebrochenem Wirbel im Hof. Soweit der Verlauf jener dreisten Banditenstücke. Ehemann M., einarmig und nur zu fünfzig vom Hundert arbeitsfähig, hatte darauf gehofft, daß Ossmann nach den Raubüberfällen verschwinden und Frau M. in Frieden lassen werde, die sich von ihrem Manne ab- und Ossmann zugewandt hatte. Aus ihrem Unterrock entstand die Gesichtsmaske, während der Radioapparat der Familie M. verpfändet und der Erlös dazu verwandt wurde, die Waffe anzuschaffen. Ehemann M. besorgte sie für 39 Mark in Frankfurt, dazu je fünf Schuß Gas- und Platzpatronen. Ossmann und M. veranstalteten dann ein kleines Übungsschießen, bei dem sie zu dem Schluß kamen, daß Gas nur eine Spielerei sei und Platzpatronen besser wirkten. Von der Beute sollten Herr und Frau M. zusammen fünftausend Mark bekommen.

Ossman erschien dem Staatsanwalt als "ein kaltblütiger, rigoroser, nichts scheuender und vor nichts zurückschreckender Verbrecher", während das Gericht ihm eine gewisse Unreife zubilligte: "Er kam sich vor wie ein großer Räuber." In der Tat gab sich der Hauptangeklagte ganz als "geschlagene Größe". Er fragte Kassenleiter Widmann – nach der einleitenden Feststellung, "die Deutschen sind ja Idealisten" –, was er wohl getan hätte, wenn die Pistole scharf geladen gewesen wäre.

Das war natürlich eine rhetorische Frage; der 66jährige Zeuge konnte sie nicht beantworten. Er hatte damals ja gar nicht gewußt, ob die Pistole scharf geladen war. Ossmann aber traf den Nagel auf den Kopf, als er den Mann, der die Kasse seiner Berufsgenossenschaft unter Einsatz seines Lebens verteidigte, einen "Idealisten" nannte. Für sein mutiges Verhalten winkt ihm keine Belohnung. Auch daß er der Polizei zur Festnahme der beiden Banditen verhalf, bringt ihm nichts ein.

Es gibt keinen Fonds, der es den Strafverfolgungsbehörden ermöglichte, von bescheidenen Prämien für die Ergreifung flüchtiger Verbrecher abgesehen, die wenigen "Idealisten" vom Schlage Widmanns besser zu stellen als die große Masse der Gleichgültigen, die nicht daran denken, etwas zu riskieren. Mit dieser großen Masse aber rechnen die Verbrecher...