sen., Schwerin

Das Bezirksgericht Schwerin verurteilte den ehemaligen Gutsinspektor Karl Stabenow wegen Verbrechens gegen den Artikel 6 der Verfassung der "DDR" zu drei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus.

Schon langer trugen sich zwei junge Männer mit dem Gedanken, die Sowjetzone zu verlassen und im Westen ein neues Leben zu beginnen. Die beiden, Landarbeiter der LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) Lüblow im Kreise Ludwigslust, brachen in der Silvesternacht nach Westberlin auf. Sie kamen zwar ohne Zwischenfälle an, aber bald bemächtigte sich ihrer eine tiefe Enttäuschung. Wie so viele hatten sie keine Ahnung von dem notgedrungen umständlich-bürokratischen Verfahren, das ihnen bevorstand, ehe sie eine Anerkennung als politische Flüchtlinge erhalten konnten. Die Voraussetzungen dafür bestanden bei ihnen außerdem nicht. Kurz, sie begriffen, daß sich ihre unklaren Vorstellungen von einem besseren Leben nicht so rasch verwirklichen ließen. Verärgert, enttäuscht, beklommen kehrten sie ins heimatliche Lüblow zurück.

Natürlich interessierte sich sofort der Staatssicherheitsdienst, für die reuigen Heimkehrer. Sei es aus Dummheit, sei es, um sich selbst reinzuwaschen – die Burschen gaben bei den Verhören an, ein gewisser Stabenow sei ihnen bei den Vorbereitungen zur Republikflucht behilflich gewesen.

Die Volkspolizei griff zu. Aus harmlosen Unterhaltungen zwischen dem Angeklagten und den jungen Leuten war ein Staatsverbrechen geworden. Und Stabenow sitzt nun im Zuchthaus. Das Gericht betonte besonders, man brauche nicht einmal ausdrücklich Abwerbung zu betreiben, um verurteilt zu werden; nein, es genüge bereits, daß ein Mitwisser den Republikflüchtigen nicht zurückhält, daß er ihm irgendwie hilft, statt ihn von seinem Plane abzubringen. Jede Arbeitskraft, die der "DDR" entzogen werde, schädige die Wirtschaft. Harte Strafen seien deshalb in allen Fällen angebracht.