Wien, März 1956

Als ein junges Paar sich einst in den weiten Räumen der Wiener Hofburg verirrte, stieß es vor einer der vielen weiß-goldenen Türen mit einem alten Herrn zusammen. Der alte Herr erkundigte sich nach den Wünschen der Besucher und führte sie, als er erfuhr, daß man nichts anderes im Sinne habe, als sich umzusehen und zu bewundern, durch die prächtigen Gemächer, wobei er ihnen auch die verborgene Alarmanlage explizierte. Dies verursachte später beträchtliches Kopfzerbrechen. Der alte Herr war niemand anders, als der Präsident der Republik, Theodor Körner Edler von Siegringen, wie er sich in der kaiserlichen Zeit hätte nennen können, und wer die jungen Leute waren, hat man nie herausgebracht, so daß man die Alarmanlage vorsichtshalber umbauen ließ.

Diese Anekdote ist für die völlig unkonventionelle Art und Weise kennzeichnend, mit der Theodor Körner zum Schreck des Protokolls und manchmal auch zum Schreck der sozialistischen Partei – die ihm dazu verholfen hat, dort seine Zelte aufaufzuschlagen, wo einst sein oberster Kriegsherr residierte – sein hohes Amt ausfüllt. Oft genug gelingt es ihm, alle Begleitpersonen abzuschütteln und (stets ohne Mantel und Hut) durch die Stadt zu wandern.

Körner war immer unkonventionell, impulsiv, herzlich, aber auch von verletzender Schärfe und manchmal sehr hartem Urteil. Er wurde 1873 – dem Jahr der Wiener Weltausstellung und des großen Börsenkrachs – in Komor als Offizierskind geboren. Von seinem Großonkel, dem deutschen Freiheitsdichter der napoleonischen Zeit, scheint er das Temperament und die Kompromißlosigkeit geerbt zu haben. In der Armee – er gehörte dem Generalstab an – fiel auf, daß er seinen Adelstitel nicht führte, frühzeitig sagte man ihm "rote" Sympathien nach. Es spricht für die Toleranz der k.u.k. Armee, daß ihm dies beruflich nicht geschadet hat.

Im Jahr 1914 wurde der begabte Stratege in die Organisationsabteilung des Kommandos der Balkanstreitkräfte berufen, später avancierte er zum Generalstabschef des 15. Korps, bald darauf wurde er Generalstabschef der I. Isonzo-Armee und schließlich deren Chef. Nach dem Zusammenbruch übernahm er im Ministerium die Abteilung für Heereswesen. Körners Laufbahn war bis zu diesem Zeitpunkt, wenn auch erfolgreich, so doch keineswegs ungewöhnlich.

Nun aber wurde Körner in der sozialistischen Partei aktiv und begann den "Republikanischen Schutzbund" zu organisieren, der 1934 nach kurzem, tapferem Kampf im Bürgerkrieg unterlag. Körners alte Kameraden und die bürgerliche Öffentlichkeit wandten ihm demonstrativ den Rücken. Er war für sie ein Verräter. Es bedurfte der braunen Gewaltherrschaft und des Grauens des zweiten Weltkrieges, um ihnen sein Verhalten wenigstens nachträglich verständlich zu machen oder ihm mindestens selbstlose Motive zuzubilligen.

So war Körner, als er Bürgermeister von Wien wurde, allgemein geachtet und geschätzt. Er verband vornehme Repräsentation mit persönlicher Schlichtheit. Jeden Tag konnte man den alten Herrn in der Straßenbahn begegnen oder beobachten, wie er in der "Gemischtwarenhandlung" fürs Abendessen einkaufte, das er sich selbst zuzubereiten pflegte. In Körners Herzen aber wurde, was die Vergangenheit anlangt, ein seltsamer Zwiespalt offenbar. Er konnte etwa die Schweizer bben, weil sie das Haus Habsburg soviel früher als Österreich vertrieben hatten – dann aber auch plötzlich die Toleranz und das Versöhnliche der kaiserlichen Zeit hervorheben.

1951 kandidierte er für die sozialistische Partei als Präsidentschaftskandidat. Sein konservativer Gegner erhielt zwar 43 000 Stimmen mehr, die Stichwahl aber entschied für Körner. Politisch trat er vor allem dadurch hervor, daß er sich gegen eine Eegierungsbeteiligung der VdU (der viele das Attribut "rechts-radikal" verleihen) aussprach, weil er ihr die staatsbejahende Qualität nicht ohne veiteres zuerkennen will. Nun, da in Österreich eine Regierungskrise ausgebrochen ist, steht, der achtzigjährige General von neuem im Scheinwerferlicht. Diesmal sind es die Sozialisten, die mit dem Gedanken spielen, eine inzwischen umgetaufte und umorganisierte VdU in die Regierung zu nehmen und die Konservativen auszubooten. Wird Körners Einfluß groß genug sein, dies zu verhindern?