Bischof Dibelius hat einmal vor der evangelischen Synode, die politischen Eskapaden des Kirchenpräsidenten Niemöller besorgt kritisierend, gesagt: Es ist die Aufgabe der Kirche, ihre Fragen an die Welt zu richten, nicht aber, sich von der Welt die Fragen stellen zu lassen. Das ist zugleich eine eindrückliche Stellungnahme zu jener Eingabe der 104 württembergischen Pastoren, die ihre Abgeordneten aufforderten, Antwort auf Fragen zu geben, die sich mit "der weltpolitischen Lage", "der Aufstellung deutscher Divisionen im Zeitalter der Atombomben", der "Abrüstung" und den "Verhandlungen mit der DDR" beschäftigten – also gewiß nicht mit Fragen, die das Evangelium der Welt stellt.

Daß die Pfarrer, vor allem die protestantischen (die ja auf sich selbst gestellt sind), heute in Deutschland so oft in das politische Zeitgeschehen hinein verwoben werden, liegt an den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte. In der Nazizeit hat die Kirche beider Konfessionen, zwar nicht einheitlich, aber doch wahrnehmbar, als "Stand" reagiert. Die evangelische Bekenntniskirche hat damals mit allen ihr zu Gebote stehenden "Waffen" – bis zum Märtyrertum – militant gegen den totalitären Anspruch gekämpft. Damit wurde das Christentum den weltlichen Machthabern, zu dem, was laut Paulus sein Schicksal ist, nämlich zum Ärgernis. Woraus sich dann wiederum der Kurzschluß ergab, daß man grundsätzlich immer "richtig liegt", wenn man in Opposition ist – selbst, wenn man im demokratischen Staat als Minderheit gegen die Mehrheit ist. Das Ärgernis, das ja nur ein Gleichnis für die Unruhe des Herzens ist, die den Christenmenschen auszeichnen sollte, wurde auf diese Weise zum starren Prinzip und also verfälscht.

Die anderen aber, die damals nicht "dagegen" waren (und das trifft nun keineswegs nur auf die Pfarrer zu), die holen nach, was sie während jener Jahre versäumten. Sie polemisieren heute gegen das Ein-Parteien-System, sie treiben heute Widerstand gegen "Bonn", sie reden heute unaufhörlich vom Rechtsstaat und haben dabei das stolze Gefühl, ihrer Pflicht als Staatsbürger zu genügen.

Dff