Kiels Hafenumschlag erreichte 1955 mit 0,93 Mill. t seinen höchsten Stand. Man ist in Kiel nicht recht glücklich über den Rekord, denn fast 50 v. H. des Umschlags bestehen aus dem Konjunkturgut Überseekohle; der Rest ist weitgehend Versorgungsgut für Stadt und Umgebung, und das Eingang-Ausgang-Verhältnis von 10 : 1 bietet anlaufenden Schiffen wenig Rückfrachtchancen. So ist Kiels Hafenwirtschaft von dem Ziel, einen mittleren Transitverkehr heranzuziehen, weit entfernt. Zu viele Gelegenheiten zur Kommerzialisierung des Kieler Hafens wurden teils verpaßt, teils, durch die Marinevergangenheit "verpatzt".

Der wohl idealste Naturhafen der Ostsee, die Kieler Förde, schrumpfte in seiner Bedeutung in den letzten Jahrzehnten immer mehr. Die "Ernennung" zum Reichskriegshafen vor acht Jahrzehnten brachte Kiel viel einschränkende Bestimmungen für den Handelsschiffsverkehr. Die einmalige Chance, nach der Eröffnung des Nord-Ostsee-Kanals aus Kiel den Großverteilerhafen für die gesamte Ostsee zu machen, verpaßte die Kieler Wirtschaft vor rund sechzig Jahren. Trotzdem blieb Kiel noch bis in die dreißiger Jahre Zielort für über 20 Schiffahrtslinien in der Ostsee. Doch Möglichkeiten, etwa einen Großholzumschlag nach Kiel zu ziehen, vereitelte das unendliche Raumbedürfnis der Marine an den Kieler Förde-Ufern.

Nach dem letzten Krieg kam die große Chance für einen Handelshafen Kiel, als die Auflösung der Marine die Förde-Ufer für Friedenszwecke freimachte. Diesmal verpaßte Kiel und seine Hafenwirtschaft etliche Anschlüsse: Die letzte Schifffahrtslinie, Kiel-Korsör, wurde aufgegeben – sie wurde von Lübeck aus neu eingerichtet. Ein KFZ-Transit geht neuerdings von Lübeck nach den USA an Kiels NO-Kanalmündung vorbei. Zum möglichen Holzumschlag konnten immer noch keine Lagerplätze frei gemacht werden. Doch Kiels Hafeninteressenten in Behörde und Wirtschaft werden zunehmend aktiver: Einschaltung als Transitplatz in den Weltverkehr des NO-Kanals ist die Parole. Erster Schritt dazu soll in den nächsten Wochen die Inbetriebnahme des Scheerhafens sein. Doch: "Sicherung gegen die Ansprüche der neuen Bundesmarine" ist der große Wunsch. St.