Bk., Winsen

Das kleine Dorf Rönne an der Elbe bei Winsen erlebt zur Zeit die dritte Invasion von Presseleuten in den letzten Jahren. Wenn man die Folgen dieser Invasionen sieht, nimmt es nicht wunder, daß bei den 400 Einwohnern des Dorfes die Journalisten an Ansehen verloren haben. Sie neigen sichtlich zu anderer Betrachtungsweise, als man es in dem Dorf von alters her gewohnt ist.

Ursache dieses lebhaften Interesses sind die beiden Zwillingsschwestern Rosi und Christa Sausmikat aus Ostpreußen, die vor drei Jahren nach elfjähriger Trennung wieder in Rönne zusammengeführt wurden. Die beiden Schwestern, am 24. Dezember 1941 in Insterburg geboren, waren kurz nach ihrer Geburt in Hände von Pflegeeltern gegeben worden. Getrennt waren die Pflegemütter mit ihren Schützlingen auf die Flucht gegangen. Frau Recken war mit Christa in Weimar gelandet; Frau Heinrich mit Rosi in Rönne bei Winsen, wo Rosi nach dem Tode von Frau Heinrich in dem kinderlosen Dachdeckerehepaar Ladewig neue Eltern fand.

1953 gelang es, Frau Reckert mit Christa aus Weimar nach Rönne zu holen. Ganz Bundesdeutschland wurde in den nächsten Wochen von dem rührenden Ereignis unterrichtet, denn in Rönne drückten sich die Reporter die Türklinken der Wohnung von Christa und der Wohnung von Rosi in die Hand, und Lehrer Heidel, selbst Flüchtling, der die Zwillinge nun nebeneinander auf der Schulbank sitzen hatte, kriegte es mit der Angst, die Mädchen könnten den Starfimmel kriegen.

Das war die erste Presseinvasion in Rönne.

Die zweite kam Ende vorigen Jahres, als es ruchbar .wurde, daß Rosi als richtiger Flüchtling anerkannt war, während Christa aus Weimar nur als Fürsorgeempfängerin galt. In den Berichten wurde jetzt die "arme Christa" und die "reiche Rosi" herausgestellt. Um die sozialen Unterschiede herauszustreichen, setzte man kräftige Farben und führte beim Photographieren auch etwas Regie, um zu zeigen, wie sehr Christa "im Schatten" stand, während es Rosi "viel besser" ging.

Im Dorf gab es Empörung, besonders da sich der Landkreis bemüht hatte, die unterschiedliche Einstufung in der Praxis auszugleichen.

Und zum drittenmal gehen jetzt Rosis und Christas Namen durch die Zeitungen. Die seit 1943 totgeglaubte Mutter hat sich aus Dresden gemeldet. Obwohl es fraglich ist, ob der inzwischen wiederverheirateten Frau das Sorgerecht für die Kinder, übertragen werden kann, lassen sich doch allerlei Kommentare an das Ereignis anknüpfen, und die Kinder sind zum Entsetzen der Pflegemütter, des Lehrers und der Dorfbewohner erneut Wallfahrtsziel von Pressemännern.

Wohin das führt, zeigt die Tatsache, daß ein 41jähriger Staatenloser aus Aurich in diesen Tagen in Rönne auftauchte, um Rosi, deren Bild er in einer Zeitung gesehen hatte, einen Heiratsantrag zu machen. Wie gesagt, in Rönne ist man auf die Männer der Presse zur Zeit nicht gut zu sprechen.