Ballett in München – Opern in Augsburg und in New York

In der Bayerischen Staatsoper hat Alan Carter einen Ballettabend inszeniert, der im ersten Teil eine Uraufführung brachte: das Tanzspiel "Les parapluies" von dem jungen englischen Komponisten David Wooldrigde. Eine Bagatelle um das Thema "Wetter unbeständig", buchstäblich und symbolisch, bezogen auf herbstlichen Flirt. Vielleicht hätte sich mit weniger Aufwand choreographisch mehr daraus machen lassen. Immerhin gab es prickelnde Momente, die hauptsächlich dem Parforce-Paar Natascha Trofimowa, und Franz Baur zu danken waren. Die Musik will parodistisch sein, indem sie Melodien der viktorianischen Zeit karikiert. Sie klingt aber allzu ernst gemeint – und dann erscheint sie im Jahre 1956 kaum noch staatsopernfähig, so "gekonnt" auch ihr Handwerk ist. Interessanter war jedenfalls die Ausgrabung von Adolphe Adams, des "Postillon"-Komponisten, berühmtem Schmacht- und Schauerballett "Giselle" nach dem Libretto von Theophile Gautier und Jules Henri de Saint Georges. Hier hatte die grazile Irene Skorik (die früher München gehörte und dann von Paris geholt wurde) ausschweifende Gelegenheit, ihre hinreißende klassische Tanzkunst ebenso wie ihr ganz unmittelbares Ausdrucksvermögen leuchten zu lassen, zuerst als wirklich glaubwürdige liebende "Naive" vom Lande, im zweiten Akt als nächtlich tanzspukendes Mitglied der "Wilis", jenes hyperromantischen Totenballetts, das so manchen Autor des vorigen Jahrhunderts in seinen Bann gezogen hat. Jean Coralli lenkte hier das Choreographische zu dezenter Wirksamkeit. Und Adams Musik, von Sigismund Mayer dirigiert, überraschte durch ihre hundertjährige Frische.

Volksoper aus der Slowakei

Bewies die überalterte Musik des jungen, in England sogar schon namhaften David Wooldrigde, daß nicht alles Gold ist, was aus dem Westen kommt, so zeigte eine andere Premiere, daß nicht alles schleichendes Gift ist, was aus dem Osten zu uns hereingelassen wird. Das Augsburger Stadttheater bot als "westdeutsche Erstaufführung" eine Oper, die ihrem Komponisten Eugen Suchon den "Staatspreis I. Klasse" der tschechoslowakischen Republik eintrug, seither ein Repertoirestück der tschechoslowakischen Opernbühnen geblieben, aber auch in Österreich schon mit Erfolg erklungen ist. Suchon ist Slowakei und seine Musik steht der des Mähren Janacek näher als derjenigen der Tschechen Smetana und Dvorak. Sie wurzelt fest in der folkloristischen Tradition, aber auch in der handwerklichen Hohen Schule seiner Heimat, und diese ihre Bindungen sind stärker als die persönliche Note, die im musikdramatischen Ablauf der Partitur nirgends so überzeugend hervortritt, wie das volkstümliche Idiom es tut und das theatralische Temperament, ebenfalls ein allgemeines slawisches Erbteil. In gewisser Weise könnte dieses Werk, vielleicht nicht trotz, sondern geradezu wegen seiner weniger originellen als generellen Qualitäten uns überindividualisierten "Westlern" etwas sagen: nämlich, daß es für den schaffenden Künstler und für den Bestand einer fruchtbaren künstlerischen Überlieferung kein Nachteil ist, zu wissen, an wen das Kunstwerk sich wendet, und gewiß zu sein, daß es verstanden wird.

Suchon wendet sich also bewußt an "sein Volk", wie Smetana, Dvorak und Janacek es taten. Und da er es als unbezweifelbarer Meister seines Faches tut, ist das Ergebnis eine wirkungssichere Gebrauchsoper, deren Zugkraft um so mehr gewährleistet ist, als auch der Text dieser "Katrena" (Originaltitel "Krutnava") ein schlichtes Volksdrama zeichnet, keine literatenhafte psychologische, soziologische oder politische Studien: das Mädchen heiratet ahnungslos den Mörder ihres. Geliebten; das Kind, das sie noch vor dem Morde empfing, löst durch seine Ähnlichkeit mit seinem echten Vater den Zusammenbruch und das Geständnis des Mörders aus. Der Schlußchor feiert den unausbleiblichen "Sieg der Wahrheit" als schwungvolle Sentenz. Möglich, daß hierin für die tschechoslowakischen Hörer ein besonderes geheimes Anziehungsmotiv liegt.

Die Aufführung, von Anton Mooser musikalisch, von Hannes Schönfelder szenisch geleitet, mit Hilde Nicoll in der Titelrolle, Anton John als Mörder Ondrej, hielt sich auf einer sehr beachtlichen Ebene und wurde, zumal in ausgezeichneten Ensembleleistungen, den Vorzügen der Novität vollauf gerecht. A-th

Amerikanisierte "Zauberflöte"