P., Moskau, im März

Man wirft uns vor, daß wir nicht immer mit der Pariser Mode Schritt hielten, aber was Nahrung und Kleidung betrifft, versagt sich das sowjetische Volk vieles, um sein industrielles Potential zu erhöhen." Die Worte sagte noch vor vier Wochen Nikita Chruschtschow, der erste Mann der Sowjetunion. Wie hoch mag es inzwischen sein? Die sowjetische Frühjahrsmodenschau im Moskauer Warenhaus GUM zeigte nämlich, daß die russischen Kleidermacher diesmal aufmerksam zum Westen hinübergeschielt hatten. Der Andrang der Besuchet zu dieser aufregenden Vorführung war so groß, daß die Polizei die Aufgänge zu den Vorführräumen der Textiletage sperren mußte.

Man zeigte zwar keine Pfeillinien, vielmehr eine sehr spießbürgerliche Parteilinie. Sehr plissiert übrigens. Die Genossinnen werden in diesem Frühjahr also Plissees tragen, wie sie vor ein, zwei Jahren in Paris en vogue waren, Plissees, wohin das Auge blickt. Man sah aber auch ein Nachmittagskleid mit kleinem Bolero, wie sie die westliche Mode jetzt liebt.

Nicht zu übersehen waren auch gewisse rührende Zugeständnisse an die demokratische Koketterie. Es gab viele Modelle mit kurzen, hochgepufften oder geschlitzten Armein, die die Partien des Oberarms den Blicken der Genossen preisgaben, und durch Drapierungen werden in diesem Frühjahr in Moskau Busen und Hüften betont. Da die Kleider von hübschen, kompakten Genossinnen zwischen 120 und 150 Pfund vorgeführt wurden, gab es viel zu sehen. Die Tatsache, daß diese Mannequins auf jede Unterkleidung und stützendes Beiwerk verzichteten, führte, wie eine Beobachterin aus New York es ausdrückte, zu "ungewöhnlichen Effekten auf dem Laufsteg".

Die Zuschauerinnen, viele in Kopftüchern und sehr bescheiden gekleidet, zeigten lebhafteste Anteilnahme. Die Preise der Neuerscheinungen allerdings – 400 bis 600 DM bei sehr mittelmäßiger Stoffqualität – sind nicht für viele Moskauerinnen erschwinglich. Die wenigen, für eine gewisse Eleganz bekannten Frauen der roten Hauptstadt fehlten ohnehin in dieser Versammlung. Als die Frauen oder Töchter höherer Funktionäre, Beamten und Offiziere können sie es sich leisten, bei guten Schneidern aus der vorrevolutionären Zeit arbeiten zu lassen. Die Vorlagen dazu entnehmen sie den Modeheften, die aus Paris, Wien oder Berlin ihren Weg nach Moskau finden.