loe., Offenburg

Oberinspektor Werner H., Leiter der Landpolizeiabteilung in Offenburg/Baden, stand vor seinem zehnjährigen Dienstjubiläum, und weil man dem 42jährigen ehemaligen Polizeihauptmann nichts nachsagen konnte, dachte er an nichts Böses, als er den "blauen Brief" des badischen Innenministeriums öffnete. Dann aber blieben dem bewährten Polizisten nur noch wenige Minuten, um seinen Schreibtisch aufzuräumen, denn das Ministerium schrieb: "... sind Sie mit sofortiger Wirkung Ihrer Dienstgeschäfte enthoben und kraft Gesetzes und Rechtskraft des Urteils vom 3. Dezember 1944 aus dem Beamtenverhältnis entlassen ..."

Es war im Jahre 1944. An der südfranzösischen Küste erwartete man stündlich die Landung des alliierten Invasionskorps. Die wenigen Schiffe der 6. Sicherungsdivision patrouillierten zwischen Genua und Marseilles, wobei eins nach dem anderen von englischen PT-Booten versenkt wurde. Im Ärmelkanal kreuzten schwerealliierte Schiffseinheiten zum Schutze der Landungstruppen im Brückenkopf von Dieppe.

Schnelle Panzereinheiten der 7. US-Armee unter General Patton stürmten durch die Normandie auf Paris zu. Die deutschen Verbände kämpften in Belgien und Holland gegen die 1. britische Airborn Division. Brest war zur Festung erklärt worden und abgeschnitten; in Bordeaux verließen die Marineangehörigen ihre Schiffe und bereiteten sich auf den Erdkampf vor. In Paris herrschte wilde Aufregung. Die Stabsgebäude wurden von Schützenpanzern bewacht und in den Lagebesprechungen sprach man von "Verteidigung bis zum letzten Mann".

Zu dieser Zeit lag die 11. Polizeikompanie unter dem Kommando von Hauptmann Werner H. etwa 20 km nördlich von Paris und wurde auf den Empfang der Alliierten vorbereitet. Diese Kompanie sollte mit hundert Gewehren ausgerüstet werden, wie sie von dem berüchtigten amerikanischen Gangster Al Capone und seinen Leuten in den zwanziger Jahren verwendet worden waren. Normale Gewehre, aber abgesägte Läufe. Da Hauptmann Werner H. als Polizist die grausame Wirkung solcher Waffen kannte und seine Leute vor Vergeltungsmaßnahmen schützen wollte, ließ er kurzerhand die ganze Lieferung in einen Fluß werfen.

Er wurde alsbald verhaftet. In einem kriegsgerichtlichen Schnellverfahren wurde der Polizeihauptmann wegen "Zersetzung der Wehrkraft, Vernichtung von Wehrmachteigentum und Schädigung der Kampfkraft der Truppe vor dem Feind" zum Tode verurteilt.

Hauptmann Werner H. kam ins Gefängnis, wo er nie davon hörte, daß dieses Urteil später in zehn Jahre Zuchthaus umgeändert worden war. Er versuchte daher zu fliehen. Im November 1944 glückte dem vermeintlichen Todeskandidaten der Ausbruch. Er schlug sich bis Offenburg durch, wo er bei seiner Frau ein Versteck fand.