Porgy and Bess und all die anderen schwarzen Sänger kamen nun auch nach Hamburg und zeigten auf der Bühne Rennerts, worin das Faszinierende ihrer Leistung liegt. Es war ein guter Platz für sie, denn was Günther Renner, in Hamburg ersteht und schon ein dutzendmal verwirklicht hat, das bestätigt diese Truppe auf das Sinnfälligste: bewegte Szenen, Verschmelzung von Dramatik und Musik, scheinbar freies Agieren singender Darsteller. Anderswo ist das Spiel als Erlösung von der Konvention, als Auflehnung gegen jenen Operntrott empfunden worden, wie es in Europa üblich ist. über vergleichen wir doch einmal die Chancen, die einem genialen Opernregisseur Rennert und seinem Kollegen, dem gewiß ebenso tüchtigen Robert Breen, gegeben sind. Breen fand – wie es im Programmheft zu lesen war – eines Tages die mokkabraune Darstellerin Ethel Ayler (die in Hamburg die Bess sing) und arbeitete mit ihr sechs Monate, ehe er sie in das Ensemble einfügte, das schon jahrelang nichts als "Porgy and Bess" spielt und in dem bereits zwei ausgezeichnete Darstellerinnen der Bess vorhanden waren. Ein Fan, der dieser Truppe aus purer Theaterleidenschaft von einer Stadt zur anderen nachgereist war und verschiedene Darsteller der drei Hauptrollen gesehen hat, erzählt, es sei nicht der geringste Unterschied gewesen zwischen Levern Hutcherson, der den Porgy sang (wie in Hamburg) oder Leslie Scott oder Irvin Barmes. Das Wunderbare der Aufführung geht also aus einem vergleichsweise eingehen Rezept hervor. Man besetze, um der Ermüdung vorzubeugen, eine Oper mit Künstlern von gleich hoher Qualität, probe ein volles Jahr und spiele das Werk dann solange man will. Eine "Kleinigkeit" vorausgesetzt: man muß nach einem genialen Regieplan dafür sorgen, daß die Bühne bis auf den letzten Quadratzentimeter von Leben besetzt ist. Die Regie muß sehr streng sein, bis aufs I-Tüpfelden exakt. Dann erlaubt seine Akuratesse, daß die Spieltriebe entfesselt werden können. Sie strömen ungehemmt in die richtigen Kanäle, und was Berechnung war, ist wildes, herrliches Leben.

Stimmt dies, dann müßte man es zur selben künstlerischen Qualität mit anderen Opern doch wohl genauso machen. Ja, warum denn nicht? Rußland würde nach solcher Methode ganz sicherlich eine ebenso beispielhafte Aufführung echtester Opernkomponisten, etwa Mussorgsky, zusammenbringen, und vielleicht Deutschland und Österreich gemeinsam eine ebenso exemplarische "Figaro"-Darstellung. Wetten, daß...?

Unnützer Wettvorschlag! Unsere Sänger nehmen es nicht auf sich, was Breens schwarze Künstler so willfährig und freundlich auf sich nehmen. Bahnfahrten mit Weib und Kind und einer Ziege... geduldiges Miteinanderleben... ... ewig die gleiche Rolle mit den gleichen Nuancen, oh, allerstrengstes Einerlei!

Außerdem: mit Mozart und seinen Arien aus Engelshöhen wäre es nicht so leicht, dem großen Publikum recht zu machen, wie mit Gershwin und seinen Songs aus irdischen Tiefen. Seine Musik, die keinerlei Schwierigkeiten macht, weder dem Sänger noch dem Zuhörer, ist ein Unikum. Produkt aus überschwenglichen Einfällen eines Songkomponisten, der die Reize der Negrospirituals kennt, und eines ehrgeizigen Fleißes. Er war unter den ersten Komponisten, denen das gleiche Musikmaterial, aus dem der Jazz gebildet wurde, als unerschöpflich strömende Quelle der Volksmelodie Amerikas bewußt wurde. Er war auch unter den ersten, die das Stimmungselement des musikalischen Impressionismus aus Frankreich übernahmen. So gibt es in "Porgy and Bess" szenische Momente, in denen Volkston und Jazzrhythmus und inszenierte Atmosphäre sich so überlagern, daß Höhepunkte einer magischen Verzauberung entstehen. Aber der Weg einer solchen Komposition von einem Höhepunkt zum anderen ist manchmal dürr und trocken, so daß man staunt, daß sowohl die leicht hingeworfenen Songs als auch die musikalischen Hungerstrecken von ein und demselben stammen. Dann hilft die Intensität und die fremdartige Milieumalerei der Handlung aus einem Wohnviertel der Schwarzen an der Küste einer der amerikanischen Südstaaten. Wolfgang Roh, einst Mitarbeiter Piscators in Berlin, heute wohlrenommierter Bühnenbildner in New York, hatte einen kleinen Markt mit Häuschen aufgebaut, wo jede dramatische Figur in ihre Tür gehörte. Da macht vieles Tür- und Fensterschlagen und beim bunten Durcheinanderwirbeln der Personen die Sache sehr deutlich: Mord und Totschlag, Totenfeier und Festlichkeit, Gewitterangst und naive Heiterkeit, und mitten darin der gelähmte Bettler Porgy, auf seinem Wägelchen kniend und, so arm er ist, doch ein kräftiger Beschützer der nuttenhaft-eleganten Bess, die ihn schließlich doch mit dem Kokainschieber Sportin’Life davongeht. Kitsch hin, Kitsch her, es ist ein großer Augenblick, der zu Tränen rührt, wenn der knieende Porgy ein neues rotes Kleid um den Hals, das er für Bess gekauft hat, sich auf den Weg macht, wohl tausend Meilen weit nach New York, um die Geliebte zu suchen, die er niemals finden wird. Der Romanautor Heyward, dessen Werk diese Oper zugrunde liegt, hat eines Tages einen solchen schwarzen Bettler in einem Kniewagen, der von einer Ziege gezogen wurde, in irgendeinem amerikanischen Südstaat gesehen, ein Anblick, der durch Keimfälle zu einem seltenen epischen und dramatischen Erfolg wurde, ein Welterfolg, der nichtsdestoweniger zu Dreiviertel das Verdienst der Darstellung ist. Diese schwarze Truppe (die musikalisch dem Dirigenten Alexander Smallens gehorcht) hat das Glück, daß es diese eine Negeroper gibt, und das Unglück, daß keine andere hinzukam. So heißt das Ensemble "Porgy und Bess-Truppe" und zieht rund um den Erdball von Erfolg zu Erfolg. Schwarze und braune Männer, Frauen, Kinder und eine schneeweiße Ziege. Marein