Der sich nach dem großen Steuertermin etwas entspannende Geldmarkt hatte in der abgelaufenen Börsenwoche noch keinerlei Einfluß auf die Geschäftstätigkeit an den Wertpapiermärkten. Unter den jetzigen Umständen, das heißt bei der gegenwärtigen Zurückhaltung des Berufshandels und der Banken, muß man bereits zufrieden sein, wenn die Kurse der Hauptaktienwerte im allgemeinen behauptet blieben. Geldbeschaffungsverkäufe gab es wieder bei den festverzinslichen Papieren, deren Kurse in einigen Fällen mit der "rauhen Wirklichkeit" nicht mehr übereinstimmen, sondern um 4 bis 5 Punkte unter den "optischen" Bewertungen liegen, sobald größere Posten angedient werden. Das ist namentlich bei einigen 6prozentigen Pfandbriefemissionen der Fall.

Auf längere Sicht gesehen besteht jedoch für diesen Typ Optimismus; denn es ist beabsichtigt, an diesem Pfandbriefzins festzuhalten. Wahrscheinlich deshalb, weil bei 6 1/2 v. H. die Nachfrage auch kaum größer sein wird. Immerhin nimmt die Privatkundschaft im bescheidenen Rahmen auch noch 6prozentige Pfandbriefe auf. Die Sozialversicherungsträger halten sich mit dem Erwerb von Pfandbriefen zurück, weil sie für die Sozialreform vorsorgen müssen; andere Kapitalsammelstellen bedienen sich bei der Anlage der Schuldscheindarlehen. Vernachlässigt blieben auf dem Rentenmarkt weiter die 6 1/2 bis 8 v. H. Industrieobligationen, während die 4 bis 5 1/2 v. H. Industrieobligationen (sie sind auslosbar) auch jetzt ihre Käufer finden. Die öffentlichen Anleihen erfreuen sich nunmehr einer – wenn auch nicht immer ausreichenden – Kurspflege.

Die jüngsten Kapitalerhöhungen haben sehr viel freies Geld auf sich gezogen, so daß für das "kleine Geschäft" auf dem Aktienmarkt nur wenig Bewegungsfreiheit blieb. Das Ausland ist kaum im Markt. Einmal sorgt die unsichere weltpolitische Lage für eine gewisse Zurückhaltung, zum anderen hat die Konjunkturdebatte in der Bundesrepublik ein gewisses Unbehagen bei den ausländischen Anlegern ausgelöst. Der Besuch der Präsidenten Vocke und Bernhard bei der Bundesregierung hat die Mißstimmung keineswegs beseitigen können. Bei den geringen Umsätzen bildeten sich keine eigentlichen Schwerpunkte, an denen sonst die Tendenz orientiert wurde. Am Montanmarkt blieben Gelsenkirchener Bergwerk stark beachtet, zumal diese Papiere jetzt auf einem Niveau (144 bis 145 1/2) angelangt sind, das Anlage – käufeverlockend macht. Durch die Methode der durchgeführten Kapitalerhöhung hat das Papier allerdings an Sympathie eingebüßt. Im Hintergrund stehen weiter Befürchtungen, daß Krages in einer großangelegten à-la-Baisse-Spekulation den Kurs nach unten manipulieren könnte, um seinen Anteil am Gesellschafts-AK später wieder billig auf die alte Höhe zu bringen. – Die Kapitaltransaktionen bei Mannesmann waren auf den Kurs ohne Einfluß, der sich mit 184 1/2 v. H. kaum veränderte. Ohne Anregungen blieben ebenfalls die IG-Farben-Nachfolger. Bis auf 36 7/8 v. H. fielen die IG-Farben-Liquis zurück, als bekannt wurde, daß vor Ende 1957 keinesfalls mit einer Ausschüttung der Hüls-Aktien zu rechnen ist. Auch eine Barausschüttung ist zunächst nicht zu erwarten. Für die Inhaber der Liquis ist wichtig, daß sich durch die zeitliche Verschiebung der Abwicklung keine Änderung im Wert der Liquis ergibt.

Viel Beachtung fand der Bankenmarkt, wo die in Aussicht stehende Kapitalerhöhung bei der Deutschen Bank-Gruppe den Nachfolgeinstituten noch einen Kursgewinn brachte. Auf der Basis von 252 v. H. kam es dann zu Gewinnmitnahmen, so daß sich die Höchstkurse nicht halten ließen. Um 10 auf 30 Mill. DM wird die Commerz- und Disconto-Bank ihr Kapital erhöhen und damit die bei ihren Schwesterinstituten durchgeführte zweite Kapitalerhöhung nachholen. Auch bei ihr ergab sich ein Kursgewinn.

Die ruhige Börsenlage wurde auf den Lokal- und Spezialmärkten zu Mehrheitskäufen und Meinungsspekulationen ausgenutzt. Die Aufkäufe bei Jacobsen (die Gesellschaft ist mit der Horten-Gruppe wegen Abschluß eines Pachtvertrages in Verhandlung) führten zu einer Kurssteigerung bis 125 v. H. In Hamburger Brauereiwerten scheinen einige Gruppen ihre Positionen noch festigen zu wollen; Die Kurse streben auch hier nach oben. Die Nachfrage bei F. Reichelt (268 bis 280 v. H.) ließ Gerüchte über eine Kapitalerhöhung unter günstigen Umständen aufkommen, die allerdings von der Verwaltung keine Bestätigung fanden. -ndt

Daimler-Benz entspricht Landwirtschaftswünschen. Die in den letzten Jahren eingetretenen Lohn- und Materialpreiserhöhungen konnte die Daimler-Benz AG für ihren Typ Unimog durch erhöhten Absatz und durch laufende Rationalisierungsmaßnahmen auffangen. Die in jüngster Zeit erhobenen Forderungen der Landwirtschaft zur Konkurrenzfähigkeit gegenüber ausländischen Produzenten haben die Daimler-Benz AG veranlaßt, den Preis für das "Unimog-System" um 600 DM zu senken. Diese Preissenkung war möglich, weil die Produktion des Unimog in den letzten Jahren eine erhebliche Steigerung und damit eine rationelle Fertigung ermöglichte. – Auf dem Empfang zum Genfer Salon 1956 gab Prof. Dr. Nallinger, Chefingenieur der Daimler-Benz AG, u. a. bekannt, daß Mercedes-Benz-LKW auf Sonderwunsch zur Erhöhung der allgemeinen Fahrsicherheit nunmehr auch mit vollsynchronisiertem Getriebe lieferbar sind. Die in Serienfertigung gehenden Typen vom Baumuster 319, der 1 3/4-t-Lastwagen, der Kastenwagen und der Omnibus, werden nach Auslieferung der auf Monate hinaus verkauften Produktion dieses Typs mit Dieselmotor auch in der Variante mit Benzinmotor lieferbar sein. Daimler-Benz baut jetzt übrigens einen 3000 PS 20 Zylinder umsteuerbaren Leichtdieselmotor für schnelle Handelsschiffe. Abschließend erklärte Prof. Dr. Nallinger, daß die Daimler-Benz AG nun wieder die Studien auf dem Gebiet der Luftfahrtantriebe, einer bis 1888 zurückliegenden Tradition getreu,, aufgenommen hat.

Die "Alte Magdeburger" im Gerling-Konzern vollendete jetzt ihr 100. Geschäftsjahr. Nach Verlust ihres Stammsitzes in Magdeburg und nach entschädigungsloser Enteignung der Vermögenswerte des Ostens und der sowjetischen Besatzungszone sowie nach Verlust der Versicherungsbestände in diesen Gebieten begann das Unternehmen 1946 den Wiederaufbau in Köln. Die "Alte Magdeburger" trennte sich vom Lebensversicherungsgeschäft, das die "Friedrich Wilhelm" übernahm. Den neuesten Stand der "Alten Magdeburger" spiegelt das Jahresergebnis 1955 wider, in dem mit einer Prämieneinnahme von 9,5 Mill. die Haftpflicht-, Unfall- und Kraftversicherungsprämien von 1954 um 28 v. H. überschritten wurden. Für 1956 wird eine weiterhin günstige Geschäftsentwicklung erwartet. Über die 100jährige Geschichte gibt eine kleine Schrift von Wolf von Niebelschütz "Die Alte Magdeburger im Gerling-Konzern" Aufschluß.