Ohne die Ernennung Johannes R. Bechers als Pankows Kultusminister hätten seine dramatischen Versuche wahrscheinlich kaum je das Rampenlicht einer Bühne erblickt. Als Lyriker hatte der einst zu den Hoffnungen des Expressionismus zählende Autor immerhin einen gewissen Ruf zu verlieren, was er auch, je mehr er sich in den Dienst der kommunistischen Ideologie stellte, fertigbrachte. Als Dramatiker fehlte Becher aber von, vornherein jegliches Talent. So bedurfte es erst seines Avancements zum obersten Herrn der mitteldeutschen Theater, um seine in sowjetischer Emigration entstandenen Schauspiele der Öffentlichkeit vorzuführen. Vor eineinhalb Jahren konnte man bei Brecht seine "Winterschlacht" sehen. Obwohl sich schon damals und vorher in Leipzig erwies, daß dieses Stück kaum spielbar ist, geht dieser monströse Bilderbogen von der Wandlung eines hitlerhörigen jungen Soldaten zum Antifaschisten mittlerweile auch über andere sowjetzonale Bühnen. Jetzt brachte das kleine Maxim-Gorki-Theater Unter den Linden auch Bechers zweites Drama, "Der Weg nach Füssen", zur Uraufführung. Wieder ist es das ehrliche, an sich lobenswerte Anliegen des Autors, Deutschlands Befreiung von Nationalsozialismus zu zeigen. Eine bühnenwirksame Verwirklichung seiner Absichten ist ihm allerdings auch hier nicht gelungen.

Das Stück ist 1941 in Moskau begonnen und erst 1953 beendet worden. Es geht Becher um die Verdeutlichung der These von der Großindustrie als Steigbügelhalter Hitlers. Geheimrat Knauer, Mitglied des Rüstungsrates und Besitzer eines großen Werkes, akzeptiert, anfangs noch widerstrebend, später durch den Aufschwung der Rüstungsindustrie selbst überzeugt, Hitler als Retter vor den Forderungen der Arbeiter nach höheren Löhnen. Sein Sohn, ein kalter Zyniker der Macht, hat schon eher und aus voller Überlegung mit den Braunen paktiert. Außenseiter in der Familie, zu der noch eine als fanatische Nazisse gezeichnete Tante gehört, ist die Tochter. Sie lehnt die neuen Machthaber von Anfang an ab, sympathisiert mit den Arbeitern und findet schließlich den Weg an die Seite der "fortschrittlichen" antifaschistischen Kräfte – den "Weg nach Füssen", der den Durchbruch zu glanzvollen Gipfeln einer helleren, schönen Zukunft symbolisieren soll. Der alte Knauer stirbt während eines Luftangriffs, der sein Werk zerstört, enttäuscht über dieses Ende, in einem Luftschutzbunker. Der Sohn beschließt, um an der Macht zu bleiben, Anschluß an die Amerikaner zu suchen, denn das Großkapital ist international: "Auch drüben überm Ozean sind es wir, / Wir müssen uns mit diesem Wir verständigen, / Mehr: müssen uns mit diesem Wir verbünden / Und so den Feind im Osten schlagen. / Der Wallstreet Feind ist ebenso wie unserer..."

Mit dieser Handlung ist die Geschichte eines Malers verküpft, der sich vom unpolitischen Künstler zum bewußt Partei ergreifenden Erzieher des Volkes durch seine Kunst wandelt und im Schlußbild mit anderen Soldaten seiner Einheit an der Ostfront zu den Sowjets übergeht. Becher will hier offensichtlich das Problem der Beziehung von Kunst und Gesellschaft gestalten und eine Lösung im Sinne der Ansprüche des "sozialistischen Realismus" aufzeigen.

Das in Versen geschriebene Stück versucht mit einer Art poetisch überhöhtem Realismus, einen Abschnitt deutscher Geschichte darzustellen. Der Ministerautor verschweigt allerdings, daß sein Ausweg aus der deutschen Misere nur in eine neue Diktatur führte, zu deren Technik der Machtausübung sich während des mit den Nationalsozialisten abrechnenden Stückes oft nur zu deutliche Parallelen aufdrängen. Die auftretenden Typen sind zum Teil gut charakterisiert. Die Sprache, die sie sprechen müssen, erschöpft sich aber meist in leerer symbolüberladener Pathetik. Selbst die Dialoge sind vielfach noch ins Publikum hineingesprochene Monologe. Billige Reimereien von der Art "Es geht ein Weg nach Füssen, / Den wir jetzt gehen müssen" wirken dabei wie schlecht deklamierte Klippschulverse. "Nationalpreisträger" Paul Dessau untermalte das von Intendant Maxim Vallentin inszenierte, gänzlich undramatische Spiel mit einer nicht sonderlich originellen Musik.

Die Ostberliner Premiere in Anwesenheit von Wilhelm Pieck war kein Erfolg für den Autor. Selbst die das Parkett füllende sowjetdeutsche Prominenz verhielt sich reserviert und spendete zum Schluß lediglich einen keineswegs überschwenglichen Höflichkeitsbeifall. Becher hätte zweifellos besser daran getan, auf diese neuerliche Bestätigung seines dramatischen Unvermögens zu verzichten, p. m.