Notwendige Überlegungen zur schrittweisen Auflösung unserer alten Bühnenstruktur

Von Johannes Jacobi

Die Flucht aus der Verantwortung erschreckt wie ein Alarmruf von Zeit zu Zeit alle Theaterfreunde. Karl Böhms Verzicht auf eine der höchsten Opernstellungen in Europa und das die Öffentlichkeit überraschende Gesuch Günther Rennerts um Urlaub von der Hamburgischen Staatsoper waren die jüngsten Signale. Nicht einmal neue Häuser, von manchen Intendanten als Wundermittel ersehnt, konnten diese beiden Künstler dafür entschädigen, daß sie als Theaterleiter in ihrem persönlichen Künstlertum eingeschränkt werden. Der Dirigent, der Regisseur in diesen Männern verlangt vom Intendanten in der gleichen Brust, was dieser selbst den von ihm engagierten Solisten weitgehend abzukaufen bestrebt ist: Freizeit für andere Aufgaben, Freizügigkeit für die eigene Leistung.

Die Flucht aus der Verantwortung hat eine Parallele in der Flucht aus der Bindung. In Lübeck zum Beispiel wurde ein junger Schauspieler von kaum zwei Dutzend Lenzen, der aber eine berühmte Schwester gleichen Namens beim Film hat, durch die Kritik belehrt, daß sein Schillerscher Don Carlos noch Mängel habe. Prompt brach der talentierte junge Mann aus dem Theater aus und lehnte es ab, sich an Zuckmayers Kristof Wolters ("Das kalte Licht") neu zu bewähren. Er hatte auf seine jugendliche Typrichtigkeit hin eine Filmrolle gefunden, sinnigerweise auch einen Zuckmayer-Stoff, und mit deren Publizitätswert konnte der Theaterflüchtige leicht die künstlerische Kritik überrunden. "Hamlet oder das Auto" – so wurde auf einer Bühnenvereinstagung einmal die Entscheidung bezeichnet, vor die sich heute der nach Erfolg strebende Schauspieler gestellt sieht, und Generalintendant Maisch (Köln) beklagte es, daß für den kommerzialisierten Mimen das Auto auch in jungen Jahren wichtiger geworden sei als der Hamlet als Spitze einer geduldigen Entwicklung. Die wenigen Opernsänger, die einen Vergleich mit den Gesangssternen verwichener Zeiten aushalten können, sind ein fast hoffnungsloser Fall. Rücksichtslos kapitalisieren sie ihren zeitweiligen Stimmbesitz, wie Werner Egk einmal sagte, als "vagabundierende Stars". Sie zwingen jeden großstädtischen Spielplan, der auf diese Publikumslieblinge angewiesen ist, unter die Diktatur ihrer Flugzeug- und Schlafwagenplätze. Wer sich, wie Günther Rennert in Hamburg, von solchen "Vagabunden" unabhängig zu machen bemüht, der wird von hinten angeschossen. Und wenn Karl Böhm die Teilverträge seiner "internationalen Stars" auf vier festliche Opernwochen in Wien zusammenzieht, dann wird die unvermeidliche Niveaubaisse der nächsten Wochen der Anlaß zum Sturz des Staatsoperndirektors.

Ist Talent Mangelware?

Ist Talent eine Mangelware geworden, genießt Genie auf der Bühne heute Seltenheitswert, dann wäre es gewiß kurzsichtig, wollte man den Eigennutz jener Arrivierten, die ja auch an ihr Alter und an Kursschwankungen der Publikumsgunst denken müssen, allein verantwortlich machen für einen Notstand, der tiefer begründet ist. Das deutsche Theater bietet seinen aufstrebenden Mitgliedern keine eindeutigen Ziele mehr. Das Ranggefüge, die Werthierarchie der Institute ist seit der allgemeinen Theaterschließung 1944 zerstört worden. Trotz mancher Versuche gelang es während eines ganzen Jahrzehntes nicht, die Rangpyramide des deutschen Theaters wiederzuerrichten. Stieg man früher, so man berufen war, von der Schmiere und aus der tiefsten Provinz über mittlere Bühnen zu großen Theatern in Hamburg, Dresden und München auf, um dann in Berlin seine letzte Bestätigung zu erfahren, so rangiert heute ein halbes Dutzend Bühnen nebeneinander, aber ein Bühnenkünstler kann sich erst "prominent" fühlen, wenn er an mehreren, möglichst an allen zugleich mit Gastverträgen engagiert ist. Indessen überbieten sich die fraglichen Bühnen solchen Spitzenanwärtern gegenüber mit phantastischen Gagenangeboten. Die Neurasthenie dieser Reiserei macht keinen glücklich – den Star nicht, der seit 1945 in Deutschland keine Heimat gefunden hat, das Publikum nicht, das bei der unvermeidlichen Provinzialisierung der deutschen Großstädte, Berlin eingeschlossen, ein Abonnentenpublikum ist und keine ersse und zweite Besetzung, ohne zu grollen, hinnimmt, und schon gar nicht den Theaterleiter, dessen unentbehrlichster Mitarbeiter der "Leiter des künstlerischen Betriebsbüros", also der personele Spielplandisponent, geworden ist.

Beispiel Düsseldorf