Von Armin Mohler

Paris, im März

Die sogenannte Affaire des fuites, die sich 1954 abspielte, aber erst heute im Gerichtssaal repetiert wird, ist eine der ganz großen Affären der Nachkriegszeit. Gewiß hat es in Frankreich seit 1945 noch eine große Anzahl anderer Skandale und mysteriöser Angelegenheiten gegeben – der Crapouillot, das Lieblingsblatt der Nonkonformisten aller Lager, hat kürzlich zwei starke Ausgaben von je 80 Seiten gebraucht, um sie auch nur summarisch zu rekapitulieren. Aber keine dieser Affären hatte, wie die Affaire des fuites, Auswirkungen bis hinauf in die Zone weltpolitischer Entscheidungen.

Die Unklarheiten, welche bis heute über diese doch schon weit zurückliegende Geschichte bestehen, haben ihren guten Grund. Man hat nämlich meist den Hinweis vergessen, daß es sich im Grund um zwei Affären handelt, die nichts miteinander zu tun haben, die aber aus ganz bestimmten politischen Absichten gekoppelt wurden. Es handelt sich erstens um einen Geheimnisverrat, an dem etwas dran ist, und zweitens um einen Verrat, der willkürlich konstruiert worden ist.

Die erste Geschichte – die, an der etwas dran ist – wird durch die Namen Mons, Turpin, Labrusse und Baranès gekennzeichnet. Der undurchsichtige Tunesier Baranès, anscheinend ein auf verschiedenen Gleisen operierender Doppelagent, hat sich 1954 recht getreue Abschriften der Protokolle von Geheimsitzungen des Nationalen Verteidigungskomitees (Thema: Indochina) beschaffen können. Und diese Abschriften gelangten vermutlich in kommunistische Hände, sicher aber in die von Rechtsextremisten, wie dem damaligen Polizeikommissar und heutigen Poujade-Abgeordneten Dides. Als Quelle der Indiskretionen gilt Mons, der gut beleumdete damalige Generalsekretär des Verteidigungskomitees. Er soll seine top-secretdocuments so nachlässig verwahrt haben, daß seine als fellow travellers bekannten Mitarbeiter Turpin und Labrusse Auszüge daraus an Baranès weitergeben konnten. Zum mindesten ist dies die Hypothese der Anklage.

Daß diese eine Hälfte der Affaire des fuites noch nicht geklärt werden konnte, ist bezeichnend. Wer nämlich die Pariser Atmosphäre kennt, weiß auch, daß hier die Grenzen zwischen Verrat auf der einen, Indiskretion und Nachlässigkeit auf der anderen Seite durchaus fließend sind. Fuite heißt ja auch nicht Verrat, sondern etwa "lecke Stelle". Solche undichten Stellen, durch die Staatsgeheimnisse kleineren und zuweilen auch größerer Art ausströmen, gibt es aber recht viele. Das gesellschaftliche Fluidum, in das in Paris jeder politische Vorgang eingebettet ist, macht es beispielsweise zu einer Frage der guten Beziehungen, ob man den genauen Hergang einer geheimen Ministerratssitzung erfährt. Man stößt denn auch oft auf die Meinung, daß man an Mons, Turpin und Labrusse ein Exempel statuieren wolle; soundsoviele Glieder des Staatsapparats hätten ebensogut getroffen werden können.

Damit nun kommen wir zu der anderen, der hochpolitischen Seite der Geschichte. Ihre besondere Virulenz hat die Affaire des fuites durch ihre villkürliche Verknüpfung mit der Person und der Equipe von Mendès-France erhalten. Es soll hier nicht untersucht werden, welchen Umsturz in der Weltpolitik die weit über Frankreich hinausgehende mendèsistische Welle von 1954 hätte bewirken können, wenn sie nicht vor der Erreichung ihres Höhepunktes aufgefangen worden wäre, und zwar – soviel können wir feststellen – hauptsächlich durch die Affaire des fuites. Wenn Mendès-France 1954 in Brüssel und selbst noch in London auf eine Einheitsfront der übrigen westeuropäischen Mächte stieß, so lag das an angeblichen kommunistischen Geheimdokumenten, die Mendès-France und seinen damaligen Dauphin Mitterand als Söldlinge Moskaus "entlarvten". Französische rechtsextremistische Kreise hatten sie fabriziert und den richtigen ausländischen Stellen in die Hände gespielt. Um diesen Fälschungen einen Schein von Echtheit zu geben, wurden sie in Bruchstücke jener Protokolle des Nationalen Verteidigungskomitees eingearbeitet, die von den restlichen Stäben leicht als echt ermittelt werden konnten. Der Coup gelang: das politische Personal der westlichen Welt hat mit wenigen Ausnahmen zur Zeit der Konferenz von Brüssel die Equipe von Mendès-France für ein trojanisches Pferd Mossaus gehalten und sich entsprechend politisch verhalten. Und obwohl die französische Polizei das Lügengewebe bald zerfetzen konnte, ist bis heute in der westlichen Politik ein nie ganz zu tilgendes Mißtrauen gegen Mendès-France zurückgeblieben.

Wie willig und fahrlässig selbst in Frankreich höchste Stellen auf jene Verdächtigungen eingegangen sind, zeigt eine groteske Episode, welche vor kurzem in einem Prozeß bekanntgeworden ist, Im Sommer 1953 verdächtigte der damalige Pariser Polizeipräfekt Baylot den damaligen Minister Laniels, Mitterand, des Geheimnisverrats, weil dessen Wagen eine Nacht lang vor dem Haus eines Journalisten gestanden habe, der in jenen Tagen einen Geheimbericht über die Lage in Indochina veröffentlichen konnte. Man ließ sich dabei nicht durch den Gedanken verwirren, daß ein Verräter sich wohl nicht so unvorsichtig verhalten würde. Ohne Mitterand selbst zur Rede zu stellen, erzählte der damalige Staatspräsident Vincent Auriol dem Außenminister Bidault, daß Mitterand Verrat getrieben habe, und gestützt auf diese autoritative Auskunft griff Bidault ein Jahr später den inzwischen zum Innenminister gewordenen Mitterand in der Kammer als Landesverräter an. Heute liegen bei den Prozeßakten ausdrückliche Ehrenerklärungen aller Beteiligten, selbst des Ex-Kommissars Dides, für Mitterand. Inzwischen nämlich ist bekannt geworden, daß die Polizei sich bei der Identifikation des Autoschildes geirrt hatte ...