Wer erinnert sich noch des Falles Tuchatschewski, heute, da die Nachricht kommt, er, der 1937 Hingerichtete, sei unschuldig gewesen? Und wen interessiert es, ob ein "Bolschewik" (denn das war der Mann, der Kolschak und Denikin besiegt und um ein Haar Warschau erobert hätte) schuldig oder unschuldig war?

Stalins Haß gegen Tuchatschewski stammt aus der Zeit, als Tuchatschewski auf dem Gipfel des Ruhms und der Macht stand. Nur noch eine Schlacht, nur noch ein Sieg, und Tuchatschewski wäre der "Napoleon der russischen Revolution" geworden. Diesen Sieg galt es zu verhindern, wenn man, wie Stalin, selbst nach der höchsten Macht strebte. Das Mittel, dessen sich Stalin bediente, war nackter Verrat. Er überredete Budjenni (in dessen Armee Stalin während des polnischen Feldzuges 1920 als Politruk diente), statt nach Norden, wie Tuchatschewski es befohlen hatte, nach Osten zu marschieren und Lemberg zu belagern. Die Folge war eine vernichtende Niederlage Tuchatschewskis und ein polnisch-französischer Sieg, der als "Wunder an der Weichsel" in die westliche Geschichte eingegangen ist.

Trotzki wollte Stalin vor ein Kriegsgericht stellen, aber dank der Fürsprache von Parteifreunden und weil man einen Skandal vermeiden wollte, blieb es bei einem strengen Verweis. Tuchatschewski aber hat Stalin nie verziehen. In Vorlesungen an der Moskauer Kriegsakademie sprach er ganz offen über den "schweren strategischen Fehler des Genossen Stalin".

Über Paris spielten Stalins Agenten 1936 den deutschen Nachrichtenorganen falsche Meldungen über angebliche Putschpläne Tuchatschewskis in die Hände. Heydrich ging mit diesen, von ihm für echt gehaltenen Geheimmeldungen zu Hitler und fragte ihn: "Mit wem sollen wir uns verbünden, mit Tuchatschewski gegen Stalin oder mit Stalin gegen Tuchatschewski?" Hitler entschied sich nach einigem Schwanken für Stalin, und die große Fälschungsaktion Heydrichs konnte beginnen. Beauftragte Heydrichs erbrachen die Reichswehrarchive in der Bendlerstraße, um sich Dokumente mit der echten Unterschrift Tuchatschewskis (aus der Zeit der heimlichen Zusammenarbeit zwischen der Roten Armee und der Reichswehr) zu beschaffen. Die Unterschrift wurde kopiert und unter erfundene Briefe gesetzt. Das Produkt seiner Fälscherarbeit verkaufte Heydrich an den sowjetischen Geheimdienst.

Wie sehr aber Heydrich der betrogene Betrüger war, hat er zu Lebzeiten nicht mehr erfahren oder nicht mehr glauben wollen. Die Einsicht, daß seine Fälschung nichts anderes war als von Stalin bestellte Arbeit, hätte sein Selbstvertrauen zu sehr erschüttert. Seinem Mitfälscher, SS-General Berends, dagegen waren längst Zweifel gekommen. Er wäre heute der gegebene Kronzeuge für den Fall Tuchatschewski; wenn er nicht nach Kriegsende in Belgrad hingerichtet worden wäre. Es gibt aber in Deutschland sicher noch genug Menschen, die Chruschtschow bei der restlosen Aufklärung des Falles Tuchatschewski behilflich sein würden, denn es liegt auch im deutschen Interesse, dieser nazistisch-stalinischen Schandtat auf den Grund zu gehen. -ll