Fre., Leipzig

Max Reimanns Kommunistische Partei delegiert ununterbrochen westdeutsche Jugendliche zum Studium in die sowjetische Zone. An allen Universitäten der Zone ist ein ganz ansehnlicher Prozentsatz der Studenten aus Westdeutschland. Im März 1954 wurden 2500 gezählt. Von da an ist die Zahl etwa konstant geblieben. Die SED läßt die wes:deutschen Jungkommunisten hauptsächlich in Gesellschaftswissenschaften, politischer Ökonomie und sowjetzonaler Rechtsauffassung schulen, also in Studienressorts, gegen die mitteldeutsche Jugendliche ohnehin durch ihre Erfahrungen mit den Regime eine starke Antipathie haben. So kommt es, daß an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in Leipzig und besonders an der Publizistischen Fakultät der Universität Leipzig viele Jünger Max Reimanns studieren. Sie sind dem Oststaat gegenüber nicht nur gänzlich unvoreingenommen, sondern empfinden ihre Mission, durch ihre erworbenen Kenntnisse auch Westdeutschland früher oder später einmal kommunistisch umgestalten zu helfen, als eine hohe Auszeichnung. Ihre Freude ist um so größer, als ihnen jegliche Protektion zuteil wird: von Studiengeldfreiheit über die höchsten Stipendien (bis etwa 450 DM monatlich) bis zu einer gesicherten Funktionärskarriere.

Betrachtet man sich beispielsweise die Verhältnisse an der Leipziger Publizistischen Fakultät, so findet man von etwa 500 Studierenden 90 bundesdeutsche Jungkommunisten. Im Geheimvokabular der Studenten heißen sie dort die "West-Östlichen".

Schon rein äußerlich fällt an diesen hundert "Journalisten", die in den nächsten Jahren die kommunistische Presse in der Bundesrepublik redigieren wollen, auf, daß die "drüben" verbreitete Mär vom "notleidenden westdeutschen Friedenskämpfer" wirklich nur eine Mär ist. Die West-Östlichen produzieren sich als solche Friedenskämpfer, lassen aber von ihrer Armut und ihrer Not so gar nichts merken. Im Gegenteil: gesünderes Aussehen, bessere Kleidung und höhere Ansprüche heben sie von den "drüben" einheimischen Kommilitonen ab. Zwar wird in der Zone von ihnen behauptet, sie repräsentieren die westdeutsche Arbeiterschaft, aber ihre Herkunft zeigt: sie sind oft Söhne und Töchter bürgerlicher Eltern. Herr Breuch, namhafter Redakteur der Kölner kommunistischen Presse, hat seine beiden Söhne in Leipzig studieren lassen. Der ältere ist bereits "fertig" und fungiert als kommunistischer Publizist in Düsseldorf. Herr G. und seine beiden Töchter sind Filmschauspieler; der Sohn studiert in Leipzig. Die Tochter des Stuttgarter Landtagsabgeordneten R. studiert in Leipzig. Viele Väter der West-Östlichen sind Kaufleute.

Zum Lebensstandard eines Jungkommunisten aus Bremen gehören auch in Leipzig noch Motorrad, goldene Uhr, Radio, gute Kleidung und jede Woche ein Freßpaket aus Bremen. Es ist daher kein Wunder, wenn die Einheimischen den West-Östlichen keine tiefe Zuneigung entgegenbringen. Doch diese Antipathie ist auch aus anderen Gründen zu erklären. Die West-Östlichen betrachten es als eine ihrer Aufgaben, den Studenten der Zone ein trauriges Bild von der Bundesrepublik zu entwerfen, indem sie über alles, was im Westen vor sich geht, abfällig reden.

Die Lehrer – Professor Eildermann, ein ehemaliger kommunistischer Journalist aus Oldenburg, Professor Dr. Budzislawski und Professor Albert Norden – benutzen gern die Gelegenheit, durch die West-Östlichen inoffizielle Beziehungen zum freien Westen zu pflegen.

An der Publizistischen Fakultät haben die Westöstlichen fast alle höheren FDJ- und SED-Ämter inne, da sie als besonders zuverlässig gelten. Ihren östlichen Genossen helfen sie, über nichtkommunistische Kommilitonen ausführlich Kartei zu führen. Einige Studenten – mußten aus der Zone fliehen, weil von West-Östlichen mitstenographiert worden war, was sie am 17. Juni 1953 gesagt hatten, und sie daraufhin entweder einem Disziplinarverfahren ausgeliefert oder beim Staatssicherheitsdienst angezeigt worden waren.