Es wird heute oft für ein romantisches Vorurteil gehalten, anzunehmen, daß zwischen dem schöpferischen Range eines Künstlers und seiner menschlichen Beschaffenheit ein enger Zusammenhang bestehe. Die Verantwortungsscheu unserer Zeit findet es bequemer, die Verpflichtungen, die sich aus einem solchen Zusammenhange etwa ergeben könnten, zu leugnen und sich entschlossen auf die schroffe These zurückzuziehen: die Kunst hat mit dem Menschen, der sie hervorbringt, gar nichts zu tun. Aber keinem Nachdenklichen hat jene These jemals einleuchten wollen, wenngleich auf der Hand liegt, daß der dennoch bestehende Zusammenhang nicht so primitiv vorzustellen ist, daß ein guter Mensch auch gute Kunst produzieren müsse und ein schlechter Mensch schlechte Kunst. Vielmehr ist nicht einzusehen, wieso eigentlich das Was und Wie der künstlerischen Leistung nicht ebenso durch Art, Wesen und Lebensweise der Menschen bedingt sein sollte wie jedes andere Tun oder jede andere gedankliche Äußerung.

Die verschiedenen Grade von Deutlichkeit des Zusammenhangs zwischen dem Künstlerischen und dem Menschlichen haben sogar ganze Zeitstile und Gestaltungsrichtungen bestimmt und geprägt, je nachdem, ob die Tendenz der Epoche den Zusammenhang besonders sichtbar zu machen oder, im Gegenteil, ihn zu verbergen wünschte. Einen äußersten Grad von Verdeutlichungswillen stellte der Expressionismus dar. Und darum sieht sich einer, der einen expressionistischen Maler betrachten, erklären, verständlich machen will, vor die Aufgabe gestellt, die Person und die Leistung in ihrer ursächlichen Beziehung zu erkennen und zu interpretieren:

Hans Egon Gerlach: "Edvard Munch. Sein Leben und sein Werk." Christian Wegner Verlag, Hamburg, 96 Seiten, 34 Bildtafeln, 10,80 DM.

Um es vorweg zu sagen: es ist wohl die lebendigste, einprägsamste Mundi-Darstellung, die bislang vorliegt. Ohne überflüssigen Ballast, aber auch ohne Versäumnis der geringsten für die Analyse oder die Synoptik wichtigen Einzelheit, entrollt sie ein biographisch-psychologisches Tatsachenbild, aus dem sich die Entwicklungsgeschichte des Schöpferischen fast von selbst ableitet. Aus den vielfachen familiären, nationalen, epochalen und – nicht zuletzt – metaphysisch-eigenpersönlichen Komponenten ergibt sich ein menschliches Phänomen, das mit Notwendigkeit zum Ursprung jener fast monumentalen, malerischen Jugendstilvariante wird, deren Liniengewoge alles Spielerische abgestreift hat und wie eine Fieberkurventafel die neurotischen Schwingungen hochgespannter Seelenzustände verzeichnet; Zustände, wie sie der moderne Mensch durchlebt, der sich in die radikale Einsamkeit gegenüber einer katastrophenschwangeren Umwelt manövriert hat. In Gerlachs Buch bildet nicht zufällig die Konfrontierung Munch-Strindberg den Höhepunkt der biographischen Erzählung. Trotz der betonten Unterschiedenheit der Charaktere – und noch mehr der Vitalitäten –: die Gleichzeitigkeit der beiden hatte säkulare Bedeutung.

Übrigens spricht Gerlach zwar die Sprache des Fachmanns, hat es aber nicht nötig, mit verblüffenden abstrakten Begriffen zu protzen. Und so liest sich sein Buch obendrein noch angenehm. A-th