Die Mühlen der Hochschulreform mahlen viel zu langsam. Immer noch steht die Anzahl der Lehrstühle in fatalem Mißverhältnis zur Zahl der Studierenden, immer noch sind viel zu viele Studenten genötigt, sich die Mittel zum Studieren selbst zu verdienen und sich eben dadurch das Studium bedenklich zu erschweren – kurz, es ist ein Zustand, von dem sich eigentlich nur sagen läßt: die von ihm Betroffenen gewöhnen sich daran, daß sie sich nicht daran gewöhnen. Aber muß man auf das Wunder warten? Gibt es keine Umgehungsbahnen, keine Möglichkeiten zu stillen Reformen?

Die Hamburger "Akademie für Gemeinwirtschaft" beweist nun schon acht Jahre lang, daß es solche Wege gibt. Sie wurde alsbald nach der Währungsreform, im Juli 1948, als Anstalt des öffentlichen Rechts errichtet, als eine neben der Hamburger Universität bestehende "selbständige und unabhängige Forschungs- und Lehrstätte, die die deutsche Gemeinwirtschaft fördern und einen mit dem notwendigen Fachwissen ausgestatteten Nachwuchs durch ein besonderes Hochschulstudium heranbilden soll". So hat es damals der Gesetzgeber formuliert – nicht ganz unmißverständlich übrigens, denn das Wort "Gemeinwirtschaft" erweckt noch jetzt in manchen Kreisen der Industrie den irrigen Eindruck, als wolle man in Hamburg eine bestimmte Wirtschaftsideologie propagieren. Nichts dergleichen geschieht. Das Wort "Gemeinwirtschaft" will nur besagen, daß Forschung und Lehre dieser Akademie der Wirtschaft im ganzen nützen sollen – und zwar, was das Entscheidende ist, durch Heranbildung eines Nachwuchses, der nicht zuvor die Hürde des Abiturs genommen zu haben braucht.

Hochschulstudium ohne Abitur – das klingt vielleicht furchtbar ketzerisch, aber die Ergebnisse von acht Jahren sprechen dafür, daß es geht. Über zwei Drittel der Absolventen der ersten fünf Lehrgänge – jeder Lehrgang dauert vier Semester – haben sich ohne Reifeprüfung zum Studium gemeldet, die Aufnahmeprüfung bestanden und auch beim Abschlußexamen gut abgeschnitten. Dabei sind alle Dozenten habilitierte Lehrkräfte, die zugleich der Universität angehören, und die Vorlesungen in den vier Pflichtfächern Volkswirtschaftslehre, Betriebswirtschaftslehre, Rechtswissenschaft und Soziologie haben die gleichen Titel und den gleichen Zuschnitt wie die entsprechenden Universitätsvorlesungen, wenn auch die Freiheit zu "schwänzen" geringer und der Fortgang der Arbeit methodischer sein muß.

Wer kommt zum Studium in die ehemalige Privatvilla an der Möllerstraße in Harvestehude, fünf Minuten von der Universität? Das Gesetz sieht vor, daß die Studierenden von den Gewerkschaften, Genossenschaften und verwandten Organisationen vorgeschlagen und daß nur "daneben" auch Freistudierende aufgenommen werden sollen. Tatsächlich hat sich das Verhältnis umgekehrt entwickelt. Etwa 60 von Hundert sind jetzt Freistudierende, die bisher in der freien Wirtschaft als Facharbeiter oder Angestellte berufstätig waren und das Studium an der Akademie als Chance zum Aufstieg betrachten (und zwar, wie eine kürzlich abgeschlossene Umfrage bei den Absolventen ergab, durchaus mit Recht). Die Organisationen dagegen nutzen die Möglichkeiten, Mitglieder zu "delegieren", nicht in dem Maß aus, wie es möglich wäre – vielleicht, weil sie fürchten, die von ihnen finanziell unterstützten Studenten könnten nach Abschluß des Studiums in die freie Wirtschaft übergehen? Andererseits zögert aber auch die Industrie, von sich aus begabten Betriebsangehörigen Zeit und Mittel zum Studium an der Hamburger Akademie zu gewähren. Hier schreckt, ganz zu Unrecht, das Wort "Gemeinwirtschaft" manchen ab.

"Wir sind nicht auf große Studentenzahlen aus", sagt Professor Carl Jantke, der Akademieleiter und Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie: "im Gegenteil, die jetzige Zahl von 130 ermöglicht uns Dozenten noch guten Kontakt mit den einzelnen Schülern. Aber wir hätten gern noch ein größeres Angebot, damit wir, bei strengster Auslese, aus dem ganzen Bereich der Wirtschaft die begabtesten Nachwuchskräfte ausbilden können – was ja nun doch der Wirtschaft wieder zugute kommt."

Im Unterschied von der Wilhelmshavener Hochschule will die Hamburger Akademie auch in Zukunft weder Abitur verlangen noch Diplome vergeben. Wohl aber haben die Studierenden das Recht, die Vorlesungen und Übungen der Universität als Gasthörer zu belegen und können sich dann später, wenn sie bei der Abschlußprüfung nach zwei Jahren die Noten 1 oder 2 erhalten, an der Universität als Studierende der Rechts- und Staatswissenschaft regelrecht immatrikulieren – wovon etwa ein Drittel Gebrauch gemacht hat.

Mit imposanten Zahlen kann und will die "Akademie für Gemeinwirtschaft" nicht aufwarten. Ein paar hundert junge Menschen hat sie bis jetzt entscheidend fördern können, nicht mehr. Aber sie gibt mit ihrer Arbeit ein Beispiel, das wohl auch andere deutsche Länder nachahmen könnten. Ein Beispiel dafür, daß die Bildungsidee der deutschen Hochschule sehr wohl auch abseits der genormten Wege zu realisieren ist.