Stuttgart, im März

Auf den Höhen von Degerloch, genauer: auf dem "Hohen Bopser" am Rande der Landeshauptstadt, erhebt sich Stuttgarts neues Wahrzeichen, der Fernsehturm des Süddeutschen Rundfunks. Mit seinen 211 Metern ist das schlank aufragende technische Wunder nächst dem Eiffelturm das höchste Bauwerk Europas, abgesehen von den Antennen der Funkstation Nauen, denen man indessen keinen ästhetischen, baukünstlerischen Wert beimessen kann.

Der nach eineinhalbjähriger Bauzeit vor kurzem vollendete Fernsehturm ist schon heute die Hauptattraktion für die Stuttgart-Reisenden, die seine eigentümliche Schönheit bewundern, sich staunend seine technischen Details erklären lassen, vor allem aber die grandiose Fernsicht genießen, die sich ihnen von den beiden Plattformen aus oder aus den Fenstern der höchsten Turmgaststätte der Welt bietet. In etwa 150 Meter Höhe ist nämlich die sich verjüngende Betonsäule des Turmes von einem elegant geformten "Korb" gekrönt, dessen Aluminiumhaut und Fensterringe in der Sonne glänzen und dessen fünf Etagen von unten nach oben bergen: die Lüftungsanlagen; den Fernsehsender; Küche, Klimazentrale und WC; zwei Stockwerke Cafe-Restaurant und darüber die zwei Plattformen. Oberhalb des Korbes enthält eine Art (architektonisch ausgedrückt) "Laterne" noch verschiedene Maschinerien, und über dem Ganzen erhebt sich dann erst der Antennenmast.

Am Fuße des Turmes empfängt den Besucher bereits eine freundliche Restauration. Dann saust man mit vier Meter je Sekunde, insgesamt also in 42,5 Sekunden, bis in den "Korb". Die ganze Stadt liegt einem zu Füßen, mit ihren Straßen und Plätzen wie in einem Reliefplan ausgebreitet. Mai kann ihre alten Baudenkmale, ihre vernarbende! Wunden, ihre neuen, modernen Wohn- und Industrieburgen, die zahlreichen Hochhäuser überschauen, nach allen Seiten weithin das schwäbische Land, bei guter Sicht bis zum Bodensee, den Vogesen und den Bayrischen und Schweizer Alpen. In der Nähe aber sieht man durch die Baumwipfel auf den Straßen die Autos auf den Turm zustreben. (Übrigens kommt auch die Straßenbahn bis auf zehn Minuten an den Fernsehturm heran.)

Nicht zu unterschätzen: daß diese optimalen optischen Genüsse und die sie begleitenden prometheischen Hochgefühle sich mit dem Genuß eine: erstklassigen Bewirtung, einer exquisiten Küche verbinden, deren Preise begreiflicherweise über Normalhöhe liegen, aber nicht im Verhältnis der Turmhöhe. Etwa 160 Personen haben sitzend in den Gaststättenräumen des Korbes Platz; auf der oberen Plattform stehend 110–130, auf der Hauptaussichtsplattform 220–300, alles in allen im Korb rund 600 Personen.

Der tägliche Andrang ist bemerkenswert. Man darf dem Schöpfer des Entwurfs, Dr.-Ing. Fritz Leonhard, zustimmen, der überzeugt ist, der Stadt Stuttgart einen Fernsehturm (im doppelten Sinn) "geschenkt" zu haben, den man nicht als notwendiges technisches, nüchternes Übel, sondern als Gewinn für das Stadtbild und als markantes Sinnbild der Sendetechnik und der Ingenieurkunst betrachten kann. Der Anblick des grazilen Bauwerks ist von durchaus neuartiger Schönheit und teilt dem Betrachter etwas vom Schwung seines Auftriebs mit. Er wird auch dem Fremdenverkehr einen entsprechenden neuen Anreiz geben. w–h