Berlin, im März

Es ist nicht ganz gleichgültig, und man braucht Phantasie dazu, in Paris ins Flugzeug zu steigen und in New York richtig angezogen anzukommen, oder in Stockholm abzufliegen und in Rom einzufallen ohne aufzufallen. Man muß die Atmosphäre der unbekannten Orte vorausahnen – ihren Himmel, ihre Farben, ihr Klima, ihre Sonne –, um dort nicht auszusehen wie ein Fremdling von einem anderen Stern und um sich dort nicht fremder als nötig zu fühlen.

Nirgends ist der Unterschied in der Kleidung größer und nirgends kann ein Mißgriff die Fremdheit und die Tiefe der Trennung so schmerzhaft bewußt machen wie zwischen West- und Ostberlin. Nur eine kurze Autobusfahrt ist es vom Kurfürstendamm in die Stalinallee. Aber die westlichen Damen und Herren der Mode, die kürzlich vor dem Ostberliner "Haus für die Frau" ausstiegen, wirkten in ihrer abgestimmten, diskreten Eleganz wie kostbare Paradiesvögel zwischen Spatzen. Sie fielen besonders auf in dieser Straße der monotonen Häßlichkeit und des barbarischen Geschmacks am Kolossalen. Die "armen Spatzen" des Ostsektors aber, die an diesem Sonntag hier in der verödeten "Prachtstraße" ohne Autoverkehr in ihren besten, sehr ordentlichen und zum Teil funkelnagelneuen Sachen auf und ab gingen, sahen mit einem schiefen Blick auf die westlichen Damen und Herren, wieviel trister und ärmlicher sie selber in ihren plumpen Schuhen und knittrigen Stoffen wirkten. Nur wenige gingen an dieser westlichen Eleganz mit stolzem Trotz vorüber; die meisten zeigten Neugier am modischen Spiel "demokratischer Koketterie", denn nach neuesten Modeberichten aus Moskau soll ja auch hinter dem Eisernen Vorhang wieder ein Blick nach Paris erlaubt sein.

Die westlichen Besucher, Seidenweber und Konfektionäre, waren in die Stalinallee gekommen, um ihrerseits einen Blick in das Schaufenster der Sowjetzone im "Haus der Frau" zu werfen. Sie zeigten gleichfalls Neugier, die sich alsbald beim Betrachten der ausgelegten Stoffe in Mitleid mit den Käufern in dieser Zone und wohl auch in eine gewisse Selbstgefälligkeit über den eigenen Standard und die eigene Leistung wandelte.

In Westberlin, im neuen "Haus der Kaufleute", hatte noch wenige Stunden vorher eine Schau die große Auswahl der Muster und Arten der für diese Sommersaison entworfenen und gewebten Stoffe gezeigt. Die Frauen bei uns sind verwöhnter als jenseits des Eisernen Vorhangs. Sie sind eigenwillig und anspruchsvoll, stöhnten die Seiden- und Samtweber, deren Arbeitsfeld man ungeniert von ihren Schildchen am Rockaufschlag abzulesen aufgefordert wurde. Im Gegensatz zu Amerikanerinnen, die darin unempfindlich sind, und zu Russinnen, die dazu gezwungen werden, wollen sie nicht in der gleichen Stadt alle mit dem gleichen Druckmuster herumlaufen. So können wir, sagen die Seidenweber, in jede Stadt von einer Stoffsorte nur wenige Meter liefern, viel zu wenig nach unserer Meinung. Wir müssen auf immer neue Variationen sinnen, und das verteuert die Produktion.

Aber kennt die anspruchsvolle Käuferin überhaupt das Angebot? Nein, sagen die Seidenweber. Und gewohnt, durch Werbung das Geschäft zu beleben, gaben sie 100 000 Mark für den zweiten "Sternflug der Seide" in das Modezentrum Berlin aus, um mit der Aufmerksamkeit, die eine solche Veranstaltung erregt, das Interesse der "Verbraucherinnen" an der Mode zu beleben und sie mit dem Reichtum neuer Stoffarten bekanntzumachen.

Seide wird in dieser Saison zu allen Tageszeiten empfohlen. Es gab Zeiten, wo es verpönt war, sie schon am Vormittag zu tragen; und davor gab es Zeiten,wo es einer bestimmten Gesellschaftsschicht vorbehalten war, in Samt und Seide gehüllt zu sein. Unter dem "wearable glamour", dem tragbaren Glanz, der da im "Haus der Kaufleute" über den Laufsteg promenierte, ließ sich unter aktuell verführerischen Modelltiteln wie "Fürstenhochzeit" oder "Filmhochzeit" auch mancher Talmi sehen. Kritische Bemerkungen über "Halbseide" wurden zum Teil widerlegt durch die Feststellung, daß für den Laien heute manche der "Kunstseiden" nicht mehr von reiner Natur-)Seide zu unterscheiden sind und daß acht von zehn Meter Seide aus jenen Chemiefasern hergestellt werden, die immer noch den häßlichen Klang, aber nicht mehr das Aussehen von "Ersatz" haben. Durch besondere Behandlung werden die chemischen Fasern den Eigenschaften der natürlichen Textilrohstoffe immer mehr angeglichen. Darüber hinaus haben sie andere Vorzüge: Neben den halbsynthetischen Stoffen, die je nach dem chemischen Lösungsverfahren, mit dem die Zellulose zur Spinnmasse aufbereitet wird, Viskose-Kunstseide oder Reyon, Kupfer-Kunstseide (bekannt als "Bemberg", "Cupresa‘-Lavabel) und Acetat-Kunstseide heißen, haben die Synthetics Perlon, Nylon, Orion, Terylene, Dralon und andere in den letzten Jahren die Verbraucher durch so lange begehrte Vorzüge wie Waschbarkeit, ohne zu knittern, und große Haltbarkeit gewonnen.