Saarbrücken, im März

An der Uferpromenade beim Saarbrücker Stadttheater blühen die ersten Krokusse. Hinter den Schaufenstern lauern Osterhasen zwischen Damenkostümen deutscher und französischer Provenienz, die durchschnittlich 24 000 Franken (= 300 Mark) kosten. Das ist das Signal für jeden Saardeutschen, mit seiner Frau nach Trier, Kaiserslautern oder Zweibrücken zu fahren und dort das obligate Frühjahrskostüm für den halben Preis in DM zu kaufen. Also Frühlingsanfang in Saarbrücken: Die letzten Schneeschanzen im Sankt Johanner Stadtwald haben sich aufgelöst, und mit ihnen die Sozialdemokratische Partei Saar (SPS) des Autonomisten Richard Kirn, deren zwei Landtagsmandate nun der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Landesverband Saar, als Ostergabe zufallen. Die eingefrorene "Heimatbund"-Front der drei deutschgesinnten Parteien CDU Saar, Demokratische Partei Saar (DPS) und SPD ist von neuem Sturm und Drang erfüllt, nachdem Staatssekretär Schwertner (DPS) als saarländischer Beobachter von den deutsch-französischen Gesprächen in Paris am vergangenen Wochenende gute Nachrichten zurückbrachte: Das Programm zur Eingliederung der Saar in die Bundesrepublik gewinnt Form; die Heimatbundparteien müssen dazu Stellung nehmen. Die acht ruhigen Wochen, die auf die Regierungsbildung folgten, werden von einer Periode der Kundgebungen und Parteitage abgelöst. "Ich bin in den vergangenen Wochen", so resümierte Saar – CDU-Vorsitzender und Ministerpräsident Dr. Hubert Ney als Gast vor dem Landesparteitag der DPS Heinrich Schneiders, "etwas zwischen den Reihen gegangen. Ich habe mir Reserve auferlegt." Inder Tat: In manchen Kreisen außerhalb des Saargebietes spekulierte man schon auf eine Vereinigung der CDU mit den recht ansehnlichen Resten der Christlichen Volkspartei Johannes Hoffmanns. Das wäre das Ende des deutschen Heimatbundes und vielleicht auch das, Ende der gegenwärtigen Regierungskoalition in Saarbrücken gewesen. Darum gab es stürmischen Beifall für Dr. Ney, als er auf dem DPS-Parteitag abschließend erklärte: "Ich reagiere auf jene Sirenenklänge nicht. Mit den Separatisten gibt es kein paktieren. Und ich werde nicht wieder in die Reserve gehen, bis das Ergebnis vom 23. Oktober 1955 verwirklicht ist..."

Die von 120 Mitgliedern besuchte Landeshauptversammlung der Demokratischen Partei Saar im Weißen Saal des Johannishofes am 2. Juni 1950 – ein halbes Jahr vor dem Verbot der Partei durch Johannes Hoffmann – verdiente nach den Worten des DPS-Vorsitzenden Dr. Heinrich Schneider noch nicht die Bezeichnung Parteitag. "Darum feiern wir heute den ersten Landesparteitag der DPS." 500 Delegierte und 700 Gäste, gerade so viel, wie die traditionsreiche Saarbrücker "Wartburg" fassen konnte, unterbrachen die eineinhalbstündige Rede immer wieder mit Beifall. Sie wählten ihren Vorsitzenden einstimmig, billigten einstimmig sechs von den sieben vorgelegten Entschließungen und sangen die ersten Strophen des Deutschlandliedes und des Liedes "Deutsch ist die Saar". An die Stelle der Tonbänder, die die Sureté 1950 im Johannishof heimlich eingebaut hatte, sind die Spruchbänder getreten. "Wiedervereinigung zuerst" heißt die neue Parole der DPS, Wiedervereinigung in den Grenzen von 1937.

Ist das Nationalismus? Dr. Max Becker, FDP-Abgeordneter, als "erster Neinsager des Bundestages" stürmisch begrüßt, bestritt es energisch: "Es ist echtes Nationalgefühl an der Saar, gepaart mit politischer Vernunft, ein Beispiel echter Demokratie. Die Demokratie in Deutschland steht auf fester Grundlage, sie wird – bei allem Respekt vor dem Herrn Bundeskanzler – nicht von ihm allein repräsentiert.

Dr. Heinrich Schneider erklärte: "Die Frage, wie lang die Übergangsfrist zwischen der politischen Rückgliederung – spätestens zum 31. Dezember 1956 – und der wirtschaftlichen Rückgliederung sein muß, verlangt nicht nur Nationalgefühl, sondern auch eine realistische Betrachtung. Sie wird etwa zwei Jahre betragen müssen. Im Interesse der Saarwirtschaft sollten stufenweise gelöst werden: die Zollfreiheit für saarländische Waren im Bundesgebiet, die Behebung von Devisen- und Tnnsferschwierigkeiten, die Einfuhr deutscher Investitionsgüter, die Einfuhr deutscher Verbrauchsgüter und zuletzt der Umtausch des Franken gegen DM."

In die Bundespolitik will sich Dr. Schneider zunächst nicht mehr als notwendig einmischen. Nur andeutungsweise äußerte er seine Sympathie für den "neuen Geist" von Düsseldorf und für Dr. Dehler. Er distanzierte sich aber von dessen Hamburger Äußerungen über das Konkordat, dessen Gültigkeit die DPS als "christlich-sozial-deutsche" Partei vorbehaltlos anerkennt. "Wir sind nicht liberal im Sinne des vergangenen Jahrhunderts. Wir brauchen die Kirchen im Kampf um die Wiedervereinigung Deutschlands. Wir danken ihnen für das, was sie in unserem Grenzland für die deutsche Sache getan haben – Bischof Bornewasser, Pastor Bungarten und Superintendent Zickwolff."

Und dann noch einmal – das gemeinsame Kennzeichen des politischen Saarfrühlings 1956 bei Christdemokraten, Demokraten und Sozialisten – die Kampfansage an Johannes Hoffmann und seine Gefolgschaft: "Fort mit dem saarländisch-französischen Kulturabkommen. Wir bestimmen unsere Kultur selbst. Aber wir lernen auch von unseren Nachbarn, wir bewundern, ihr Wort "France d’abord" in der Zeit des zweigeteilten Vaterlandes. Wir übersetzen es ‚Wiedervereinigung zuerst‘.‘

Heinrich David