Die Tierpsychologie ist dabei, mit einem Unfug aufzuräumen: der Vermenschlichung der Tiere. Mehr oder weniger neigen wir alle dazu, den Maßstab unseres Verhaltens, unserer Erfahrungen und Erkenntnisse an die Tiere anzulegen. Das ist auch eine Form von sentimentaler Romantik, die von der Literatur gefördert wurde, heute noch in schlechten Jugendbüchern grassiert und unser Verständnis für die Tiere eher hindert als fördert. Dieser Neigung zur Vermenschlichung tritt Er. Bernhard Grzimek entgegen, der Direktor des Frankfurter Zoos und Autor von Tierbüchern, wie "Die Elefantenschule", "Affen im Haus" und "Wir Tiere sind ja gar nicht so".

Das Thema, das er sich stellte, "Fühlen sich Tiere im Zoo glücklich?" rührt ja schon an dieser Vermenschlichung. Wissen wir denn, ob wir, de Menschen glücklich sind? Dr. Grzimek verneint diese Frage und meint, daß wir nur in bestimmten Situationen glücklich sind. Analog zur Themafrage: "Fühlen sich die wilden Tiere im Zoo glücklich. drängt sich das Problem auf: Ist unser Glück abhängig von der Freiheit, von der Unabhängigkeit, von der Selbstverfügung? Oder wird es von der Geborgenheit einer Ordnung bedingt?

Sind Tiere im Zoo unglücklich?, sollte man eher fragen. Dr. Grzimeks Antwort lautet: Sie sind nicht so unglücklich in der Gefangenschaft und nicht so glücklich in der Freiheit. Unser Mitleid mit ihrem Käfigdasein ist auch eine Form der Vermenschlichung. Wir projizieren unsere Sehnsucht nach einem Leben ohne Vorschriften, Gesetzen, Verboten, grünen und roten Verkehrsampeln nach einem Raum, wo nicht einer den anderen tritt – diese Sehnsucht übertragen wir auf die Tiere.

Ihre Freiheit aber, was ist das für eine Freiheit? Die wilden Tiere sind keineswegs frei und ungebunden. Einmal leben sie unausgesetzt in Furcht, einer Furcht, die sie im Zoo nicht kennen. Vielleicht gehört Furcht zu ihrem Schicksal. Aber auch zu ihrem Glück? Wenn es unser Streben ist, frei von Furcht zu sein, könnte es nicht – jetzt einmal ohne jede Vermenschlichung – auch das der Tiere sein? Und wie steht es mit der Ungebundenheit? Damit ist es auch nicht weit her. Ein Amselpaar, das wir im Park beobachten, ist beileibe nicht ungebunden. Unsichtbare Grenzen riegeln die Reviere ab und trennen vom Nachbarpaar, das sich gegen jede "Grenzübertretung" wehren würde. Diese Reviere sind manchmal so klein, daß sie nicht einmal zur Gründung einer Familie ausreichen. Seine unsichtbaren Grenzen, die die Bewegungsfreiheit einschränken, gelten nur für die Artgenossen. Darüber hinaus meiden alle wilden Tiere den Menschen, der für sie das Kainsmal der Schöpfung trägt.

Wesentlich erschwert wird dem Tier das Leben in der Wildnis durch die Rangordnung. Es ist nicht gleichberechtigt im Rudel. Das letzte Tier in dieser Rangordnung wird von allen schikaniert. "Es ist nicht angenehm, rangniedrigster Pavian in einer Pavianherde zu sein", meint Dr. Grzimek. So ein Pavian darf Paviandamen nicht mal anblicken, geschweige mit ihnen flirten. Und er darf auch nicht in Gegenwart des Anführers essen. Diesen "Führerstaat" zu demokratisieren, indem man die rangniedrigen Tiere fördert, trägt zum Wohlbefinden der Tiere im Zoo mehr bei, als die Käfige zu erweitern, ihre Gitter durch Wassergräben zu ersetzen.

"Die Mehrzahl der Zootiere, zumindest jene, die im Zoo ihre Junge bekommen haben, erkennen den Zoo als ihre Heimat an", meint Dr. Grzimek. Und wie steht es mit den Dichtern, die das Los des Löwen beklagt haben, der sich hinter Gittern vor Sehnsucht nach der Steppe verzehrt? Und die den Käfig mit dem Gefängnis gleichsetzen? Sie übersahen einen wesentlichen Unterschied. Was das Gefängnis unerträglich macht, ist die Trennung nach Geschlechtern und die Einzelhaft.

"Dürften die Gefangenen in den Gefängnisses mit ihren Familien leben, würde mancher im Herbst freiwillig ins Gefängnis wandern", so formulierte Dr. Grzimek. Von entscheidender Bedeutung für das "Glück" der Zootiere ist es, sie zur Fortpflanzung zu bringen. Und bei viel mehr Tieren als zu Brehms Zeiten ist dies auch gelungen. Bei den Tieren aber, die im Zoo geboren wurden, entfällt die Sehnsucht nach der freien Steppe ganz, denn Büchel lesen können sie ja nicht.