Bonn, im März

Nur wenige von der alten Bonner Diplomatengarde sind heute noch da. Wieder verläßt einer von ihnen die Bundesrepublik: der schwedische Gesandte Kumlin. Er gehört zu den angesehensten und nach seinen Bonner Dienstjahren zu den ältesten unter seinen Kollegen. Sechs Jahre hat er den Puls Nachkriegsdeutschlands an seiner manchmal hektisch klopfenden Bonner Schlagader gefühlt. Man sagt ihm nach, daß er sich dabei als ein sehr scharfsinniger Beobachter erwiesen habe. Er gilt als einer der bestinformierten Bonner Diplomaten, der oft stundenlang ein Thema durchdiskutiert, erstaunliche Detailkenntnisse besitzt und für seine klaren Analysen bekannt ist.

Aber er beurteilt die Dinge und die Menschen nicht, wie es manchmal den Anschein haben könnte, aus einem kühlen, unbeteiligten Herzen. Dieser Mann und seine sehr charmante und elegante Frau haben ohne irgendwelches Aufheben für diejenigen unserer Landsleute, die durch den Krieg und die Nachkriegsverhältnisse in bittere Not geraten waren, in einer schönen, scheuen Wohltätigkeit mehr getan als viele Deutsche. Vor Jahren organisierte Frau Kumlin eine Diplomatenhilfe für deutsche Flüchtlingskinder. Sie warb unter den Bonner Diplomatenfrauen, setzte sich mit dem Deutschen Roten Kreuz in Verbindung und erreichte, daß in einem bestimmten Kinderheim stets eine Zahl von Plätzen für gesundheitlich besonders gefährdete Flüchtlingskinder reserviert wurden. Aus den Flüchtlingsbaracken holte sie sich dann die Kinder und brachte sie in dem Heim unter;

Aber Frau Kumlin begnügte sich nicht damit. Sie selbst wollte mehr tun, als Kinder in der Pflege anderer genesen zu lassen. Sie holte sich in ihr eigenes Heim aus Flüchtlingslagern schwächliche Kinder, pflegte sie und kleidete sie so ein, als ob es ihre eigenen wären. Manches dieser Kinder hätte vielleicht die schwere Zeit nicht überstanden, hätte Frau Kumlin, diese so menschliche und hilfsbereite Schwedin, nicht, ohne viel zu fragen, zugepackt. (Erst auf Umwegen konnte der Chronist von dieser Tätigkeit im Verborgenen erfahren, denn die Kumlins lassen darüber kein Wort verlauten.)

Gesandter Kumlin studierte auf der Universität von Upsala Latein und Griechisch, bevor er sich der englischen Philologie zuwandte. Mitunter merkt man noch heute seiner präzisen Ausdrucksweise die lateinische Schule an. Die modernen Sprachen – Deutsch hat er schon als Junge bei einer Kieler Professorenfamilie erlernt – sind ihm wie seine Muttersprache geläufig.

Mit 26 Jahren trat er in den Auswärtigen Dienst ein, wo er sich in einer langen, erfolgreichen Karriere in die Spitzengruppe der Stockholmer Diplomatie emporarbeitete. Im Kriege war er stellvertretender Chef der politischen Abteilung. Als sich am Ende des Krieges allenthalben in der Welt, auch in seinem Lande, eine Woge des Hasses gegen Deutschland erhob und auch denen die klare Sicht nahm, die dazu berufen gewesen waren, sie gerade in dieser Situation zu behalten, ließ er sich von der allgemeinen Verwirrung nicht mitreißen. Ob ihn sein Amt deshalb im Jahre 1944 als Gesandten nach Südamerika schickte? Die internationale Entwicklung gab seiner Einschätzung der deutschen Karte in dem europäischen Spiel bald recht. Er verfiel in keinem Augenblick der weitverbreiteten Täuschung, man könne das deutsche Potential ruinieren, ohne Europa zu ruinieren.

Sein wacher Instinkt für Tatsachen, der sich durch Gefühle nicht irritieren läßt, verbindet ihn den Angelsachsen mehr als den so oft vom Überschwang mitgerissenen Deutschen. Gern und mit Worten hohen Lobes erkennt er die Tüchtigkeit, die Erfindergabe, die Organisationskunst unseres Volkes an und weiß manches Beispiel dafür aus seiner eigenen Erfahrung zu erzählen. Aber er weiß auch um die Gefahr des deutschen Hanges zur Dynamik. "Was würden Sie", fragte ich ihn, "nun, da Sie nach so langem Aufenthalt von hier scheiden, unserem Volke zum Abschied wünschen?" Er zögerte nicht lange: "Das Beste, was man Ihrem Volk wünschen kann, ist wohl das Maßhalten." Mit dieser Warnung, in der unüberhörbar eine große Sorge mitklingt, resümiert er den negativen Teil seines Urteils über Deutschland.