Die Zeit für Kolonialkriege ist vorbei

Von Marion Gräfin Dönhoff

Als sich 1949 die westlichen Mächte in der NATO-Organisation zusammenfanden, geschah dies, weil man entschlossen war, die individuelle Freiheit und die staatliche Unabhängigkeit gegen die sich immer weiter nach Westen ausdehnende Diktatur zu schützen. Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges waren die baltischen Staaten, Polen und ganz Südosteuropa unter zynischer Verletzung feierlich gegebener Zusagen und Versprechungen, dem Ostblock eingegliedert worden. 1948 begannen an der Westgrenze dieses bereits weit nach Zentraleuropa vorgeschobenen Ostblocks neue Übergriffe: die kommunistische Machtübernahme in der Tschechoslowakei und die von General Markos geleiteten kommunistischen Terroraufstände in Nordgriechenland. Kein Wunder also, daß man beschloß, zum Selbstschutz eine Art internationale Feuerwehr zu organisieren. Deutschland ist das jüngste Mitglied dieser Organisation und man wird vielleicht – wie es sich nun einmal für den Junior-Partner eines Unternehmens ziemt – erwarten, daß wir uns stolz und glücklich preisen, im Kreise der Senioren (und das heißt doch: zehn Jahre nach dem Kriege im Kreise der Sieger) in voller Geichberechtigung aufgenommen zu sein. Ganz abgesehen davon aber, daß, so wie die Dinge liegen, es für uns ein schwerer Entschluß war, der Wiederbewaffnung Deutschlands überhaupt zuzustimmen, muß. auch einmal gesagt werden, daß wir über äußerste bestürzt sind.

Wir waren der Meinung, einer Organisation beizutreten, deren Ziel es ist, unter Opfern und äußerster Anstrengung eine Verteidigung aufzubauen gegen die skrupellosen Übergriffe einer Macht, die bereits einen Teil unseres eigenen Landes unter ihr Zwangsjoch gebracht hat.

Nun aber zeigen die Ereignisse der letzten Wochen und Monate, daß die beiden gewichtigsten europäischen Großmächte, Frankreich und England, in einem Maße ihre Sonderinteressen verfolgen, das für die Gemeinschaft äußerst gefährlich ist. Da kämpft nahezu die Hälfte der französischen Armee in Nordafrika, um die Algerier mit Waffengewalt davon zu überzeugen, daß sie Franzosen und nicht Araber sind. Da fällt es den Engländern ein, den einzigen Mann, den sie als Verhandlungspartner in Zypern haben, auf einem Kriegsschiff in den Indischen Ozean zu entführen, anstatt weiter zu versuchen, mit ihm ihre Differenzen im östlichen Mittelmeer zu regeln.

Es ist gewiß nicht unser Verdienst, aber es ist ein Faktum, daß wir – aller kolonialen Sindlingen längst ledig – weder mit den afrikanischen noch mit den nahöstlichen Völkern irgendwelche Differenzen haben. Wir könnten und wir wollen mit ihnen in Frieden leben, und wir haben nicht die Absicht, in antiquierte Interessenkonflikte hineingezogen zu werden, nur weil wir bereit sind, mit unseren europäischen Nachbarn in einer Verteidigungsorganisation zusammenzustehen.

England wird rückfällig