Es schien, als hätten die Engländer die Zeichen der Zeit erkannt, als sie Indien freigaben – eine Maßnahme, die seither vielfältige Frucht getragen hat. Noch während der ersten Monate dieses Jahres sind sie an den verschiedensten Stellen der Welt diesen Weg weiter gegangen: am 9. Februar haben sie ein Dokument unterschrieben, das der Föderation Malaya für August 1957 die Unabhängigkeit im Rahmen des Commonwealth zusichert. Die malaiischen Unterhändler hatten London noch nicht verlassen, als die Delegierten aus den britischen Kolonien in Westindien eintrafen, um den Zusammenschluß der Inseln zu einer "Caribischen Föderation" zu paraphieren. Der Kolonie Nigeria versprach man für diesen Sommer, eine Konferenz einzuberufen, die über die Verleihung des Dominiumstatus beraten soll, und schließlich wurde für die Insel Malta am 12. Februar dieses Jahres der Status einer "Autonomen Provinz des Vereinigten Königreiches" beschlossen (was etwa dem von Nordirland entspricht).

Um so unerklärlicher sind die Maßnahmen in Zypern. Es scheint, daß die verschiedenen Pannen im Nahen Osten zur äußersten Nervosität und Unsicherheit Westminsters geführt haben. Dabei hat sich gerade im Nahen Osten die Entwicklung, deren Zeugen wir heute sind, von langer Hand vorbereitet.

Im Grunde war die Landung Napoleons in Ägypten, der sich als "Protektor des Islams" bezeichnete, die Geburtsstunde des modernen, politisch-religiösen Mohammedanismus – der Renaissance des Islam. Ägypten hat sich damals durch die Berührung mit dem Fortschrittglauben des Abendlands und der modernen technischen Zivilisation in geradezu fieberhaftem Tempo entwickelt. Ein Jahrhundert vor Kemal Atatürks Modernisierung der Türkei wurde damals Ägypten unter Mechmet Ali zu dem führenden mohammedanischen Land.

In Nordafrika und auch in den arabischen Staaten fand der Nationalismus überhaupt erst durch die Berührung mit dem Westen Eingang. Die heutige Generation der Nationalistenführer in Französisch-Nordafrika ist im Quartier Latin ausgebildet worden. Der Algerier Ferhat Abbas, die tunesischen Unabhängigkeitsführer Habib Bourguiba und Sillah ben Jussef sind mit französischen Frauen verheiratet. Der erste arabische Kongreß fand 1913 in Paris statt. Immer haben sich revolutionäre Belegungen in dieser Weise entwickelt. Auch die Französische Revolution begann nicht in den Elendsquartieren des unterdrückten Bürgertums, sondern in den Salons der Aristokratie und der großen Literaten von Paris. Kaum war ein Stand arriviert, drängte schon der nächste an seine Stelle. Als nach dem Sturz Napoleons das liberale Bürgertum glaubte, mit den Resten des Feudalismus aufräumen zu können, wuchs sehr bald eine industrielle Arbeiterschicht heran, die sich der gleichen Doktrinen und Methoden gegen das Bürgertum bediente, mit denen jener den Feudalismus bekämpft hatte.

Aufgewachsen in der Resistance

Die vorige Generation der Oberschicht von Ägypten bis Indien war noch stolz, auf den klassischen Schulen Englands erzogen zu sein oder im Gordon College in Khartum oder an der amerikanischen Universität in Beirut. Heute studiert man an den nationalen Hochschulen Ägyptens, die einen betont anti-westlichen Einschlag haben und wo man meist der Meinung ist – auch das ist ein abendländisches Erbe –, der Fortschritt stehe links.

Und noch eine weitere Parallele: die französische Revolution, die der Nährboden aller geistigen Bewegungen des Abendlands seit 150 Jahren war, hatte auf ihre Fahnen Freiheit und Gleichheit geschrieben – zwei einander ausschließende Ideale. Im Orient heißt die Devise (aus der Abwehr gegen den Okzident geboren) ähnlich paradox: Pan-Arabismus und Nationalismus. Für jeden Araber geht ein magischer Zauber von diesen Begriffen aus, die zu einem echten Mythos geworden sind. Man träumt von der großen klassischen Zeit des arabischen Weltreiches der Omaijaden und Abbasiden und denkt gleichzeitig darüber nach, wie man die verhaßte nachbarliche Dynastie oder den Rivalen in der Arabischen Liga ausstechen kann.