In der vergangenen Woche haben die Deutsche Edelstahlwerke AG, Krefeld, und die Stahlwerke Südwestfalen AG, Geisweid/Siegen, ihre Abschlüsse per 30. September 1955 für die bevorstehenden Hauptversammlungen veröffentlicht. Beide Berichte und die Ausführungen in Pressekonferenzen lassen erkennen, daß das vergangene Jahr im Edelstahlgeschäft gute Erträge und solide Gewinne gebracht hat. DEW schlägt ihrer oHV am 27. März eine von 5 auf 7 v. H. erhöhte Dividende auf 41,4 Mill. DM AK, Südwestfalen eine von 6 auf 8 v. H. erhöhte Dividende auf 40 Mill. DM AK vor. Beide Edelstahl-Werke haben Großaktionäre. DEW ist vollständig aus dem früheren Stahlverein entstanden, Südwestfalen aus Edelstahlbetrieben von Klöckner, Hoesch und Stahlverein zusammengesetzt. Bei DEW ist die Tochter von Fritz Thyssen, die Gräfin Anita de Zichy, Großaktionär, bei Südwestfalen sind mit über 26 v. H. die Dachgesellschaft der Hugenberg-Gruppe, die Opriba KG, und nach der Transaktion Allianz–Finck das Münchener Privatbankhaus (vermutlich transitorisch) mit 25 v. H. qualifizierte Minderheitsaktionäre.

Aber die guten Erträge der führenden deutschen Edelstahlwerke sind im Grunde genommen nur relativ. Sie kommen nicht entfernt an die Überschüsse der Vorkriegszeit heran. Doch sie reichen aus, um hohe Durchschnittslöhne von fast 500 DM brutto im Monat zu zahlen, hohe Selbstfinanzierungsquoten durchzuhalten und die Pensionsfonds auf Höhen zu bringen, die, wie z. B. bei DEW, das AK weit überschreiten.

In einer Pressekonferenz der Deutsche Edelstahlwerke AG bestätigte der Vorsitzer des AR, Dr. Heinz Gehm, die gute Ertragslage und teilte mit, daß der DEW-Umsatz auf 344 (251) Mill. DM bei 11 v.H. Exportanteil gestiegen sei. Zur Zeit verfügt man über einen Auftragsbestand von rund 220 Mill. DM und erwartet bei weiter gebesserten Erträgen für 1955/56 eilen Jahresumsatz von mindestens 420 Mill. DM. Diese Ziffern können erreicht werden, nachdem ein Investitionsprogramm von über 110 Mill. DM durchgeführt worden war. Im Berichtsjahr 1954/55 betrugen die Anlagezugänge über 29 Mill.; im neuen Geschäftsjahr dürfte die Investitionssumme ebenfalls fast 30 Mill. DM betragen. Die Stahlkapazität der Gruppe wurde auf 400 000 Jahrestonnen erhöht, davon allein die Elektrostahlkapazität auf 330 000 (221 000) t.

DEW stellt zur Zeit etwa 35 v. H. der Edelstahle der Bundesrepublik und über 50 v. H. der deutschen Elektrostähle her. Zusammen mit der angegliederten Weiterverarbeitung werden die bereits genannten Jahresumsätze erreicht. „Unsere Investitionsprogramme werden nie aufhören“, erklärte Dr. Gehm. Er verwies dabei auf die neuen Entwicklungen in der Atomwirtschaft, auf die elektronische Steuerung moderner Maschinenanlagen und auf das Titan-Gebiet, das für die Edelstahlerzeugung zu immer neuen Anforderungen und Entwicklungen führe. Dr. Gehm begrüßte das Ende der § 36 – Ära und meinte, derartige Sonderabschreibungen paßten nicht mehr in die Gegenwart. Sie hätten zu einer Oberhitzung in der Maschinenbauindustrie geführt. Jetzt sei eine Beruhigung eingetreten, was recht tunlich wäre. Um aber dem schnellen technischen Wandel in der Entwicklung der Maschinen und Apparaturen folgen zu können, müßten die normalen Abschreibungsquoten von der Steuergesetzgebung erhöht werden. Man komme mit den früheren Zeitläuften bei der „steuerlichen Veralterung“ der Maschinen nicht mehr aus. Wenn die deutsche Industrie modern bleiben wolle, müßten die Abschreibungen erweitert und die Einkommen- und Körperschaftssteuern gesenkt werden. R l t.