Lugano, im März

Ich steige in Lugano in eines der schweren gelben Postautos und fahre die Straße, die zum Gotthardpaß führt und auf der der Strom der Autos, die nach dem Süden wollen, nicht abbricht, bis der Omnibus bei Croce Fisso, einer kleinen Siedlung, anhält und nach rechts in ein Tal abbiegt. Man hat plötzlich beinahe das Gefühl, man sei in einer toskanischen Landschaft. Aber man ist in der Südschweiz. Ölbäume stehen silbrig an der Straße, die holen Zypressen stechen schwarz in den Himmel, Mimosen hängen über den Mauern der Gärten, und der frühe Jasmin fällt gelb und rötlich über die Steine. Der erste Ort ist Savosa, mehr eine verstreute Ansammlung von kleinen Bauerngehöften und einigen großen Gärten, in denen versteckt alte Villen stehen. Dann steigt die Straße in Kehren nach oben, und auf einem Schild steht "Porza", wo Kanzler Adenauer demnächst seine Ferien verbringt.

Porza kommt von porcere, das heißt darbringen, und wirklich: Wohl kein Ort im Tessin steht so über der Landschaft und bringt alles, was Tessin besitzt, dem Beschauer dar. Man hat wieder das Gefühl von einer toskanischen Landschaft. Zedern, einige Pinien, Zypressen, und das alles fällt in kleinen Weinrebenterrassen sanft nach unten in das Tal von Casserate. Aber ich will erst ins Dorf.

Porza hat, wie alle Dörfer im Tessin, einen alten Dorfkern, einen kleinen, gepflasterten Platz, wo rechts ein Kramladen, links der Fleischer und gegenüber die Post steht. Ein Tischler hobelt in seiner Werkstatt, ein Schuster hämmert auf einem alten Schuh, vier Frauen kommen gerade von ihren Einkäufen, Kinder spielen. Man muß auf diesen Plätzen immer eine Weile stehenbleiben, um ihre Schönheit zu erfassen. Jedes Haus ist ein alter Palazzo, jedes Haus hat ein herrliches altes Tor, die Fenster gehen bis ins 15. Jahrhundert zurück, einige haben Spitz-, andere Rundbogen, und in allen Fenstern stehen Blumen. In den alten Palazzi haben reiche Luganeser Familien gewohnt, die hier oben – Porza liegt etwa 500 Meter hoch – die heißen Sommerwochen verbrachten. Auch jetzt kommen sie noch manchmal herauf.

Ich soll mich aber erkundigen, wo der deutsche Bundeskanzler wohnen wird. Die Frauen, die sonst alles wissen, wissen diesmal nichts. Der Krämer, die Posthalterin wissen auch nichts, eiren Gendarm, den ich fragen könnte, gibt es nicht in Porza. Warum auch? Es ist seit Jahrzehnten nichts geschehen, und die Tessiner achten auf sich selbst.

Der Bürgermeister kommt. Die Frauen überstürzen ihn mit Fragen und zeigen auf mich. Ich gehe zu ihm. Er schüttelt den Kopf. Aber er blinzelt. Das heißt wohl, er weiß etwas. Aber er würde es nicht verraten. Für die Tessiner ist ein Geheimnis noch ein Geheimnis. "Nein, ich weiß wirklich nicht, wo Herr Dr. Adenauer wohnen wird", betont er noch einmal. "Was wir zunächst erwarten, ist der Frühling." Ich habe es schon gesehen, der Schnee, der einige Wochen auch hier wie eine Last auf Wiesen, Feldern, Bäumen und Häusern lag, ist geschmolzen. Und als müßte der Frühling nun die verlorene Zeit einholen, ist jeder Wegrand voll Schlüsselblumen. Märzenbecher und Krokusse blühen, und die Narzissen brechen auf. An den Kamelienblüten sieht man die roten und weißen Spitzen. Die Cornelkirschen fangen an zu blühen, und der starke Duft, der von den Mimosen herüberkommt, erfüllt den ganzen Platz.

Ich habe aber das Blinzeln des Bürgermeisters gesehen. Und da kommt der Spengler mit einigen Fensterscheiben in der Hand. Ich frage ihn, wo er hin will. Er zeigt nach oben zu einer Villa, die ganz in dunklem Grün versteckt ist. Er soll dort die Scheiben einsetzen. Ich frage ihn, ob dort noch mehr Handwerker sind. Ja, einige Maler, ein paar Leute vom Telephon, ein Gärtner, ein paar Maurer und ein Dachdecker. Ich gehe hinter ihm her die Straße hinauf und bin plötzlich in einem von hohen Mauern umgebenen Park. Ein Wald von Zedern in ihrer ganzen Größe und Herbheit umgibt mich. Der Mann geht in die Villa, einem hohen, mächtigen Bau. Ich gehe an dem Haus vorbei, auf eine breite Terrasse.