Leo, Hamburg

Finanzbehörden haben nun einmal Schwierigkeiten, zu verstehen, daß es Leute gibt, bei denen die Lektüre von Büchern, vielen, vielen Büchern, "zum Geschäft gehört". Jeder, der einmal versucht hat, eine Steuervergünstigung für solche Werkzeuge des Intellekts zu begründen, hat das schon erfahren.

Was aber unsere Finanzbehörden an Ideenreichtum und Phantasie aufbieten, um auch mit den Bücherlesern ins Geschäft zu kommen, dürfte manchem noch neu sein.

Zu dem Beruf des Dr. G. gehört es, englische Bücher zu lesen. In manchen Fällen muß er sich die direkt aus England kommen lassen. Solange Dr. G. in der Bundeshauptstadt wohnte, ging das auch recht gut. Da hat irgendwo irgendwann einmal jemand ein Einsehen gehabt und was für "die Kultur" getan. Für "die Kultur" tut man ja gerne was. Seitdem sind Bücher in der Regel nicht zollpflichtig. In richtiger Einschätzung der finanziellen Verhältnisse bei den meisten Bücherlesern befördert die Post solche Güter sogar zu ermäßigten Tarifsätzen.

Dr. G. ist vor kurzem nach Hamburg gezogen. Da weiß man, was man mit dem Zoll alles machen kann. Für sein erstes kleines Bücherpäckchen wurde ihm eine Rechnung von 3,50 DM präsentiert. Nach langen Erkundigungen erfuhr er, daß sich die Rechnung zusammensetzt aus 1,– DM Zollgebühren dafür, daß nichts zu verzollen ist; 2,20 DM "Umsatzsteuerausgleich"; 0,30 DM Zustellgebühr.

Sollte es noch Leute geben, die nicht wissen, was "Umsatzsteuerausgleich", ist – hier die Erklärung: Wenn – argumentiert man spitzfindig – das Buch in Deutschland gekauft worden wäre, dann hätte ja dafür Umsatzsteuer entrichtet werden müssen. Da das Buch nun aber nicht in Deutschland gekauft worden ist – muß auch Umsatzsteuer dafür entrichtet werden.

Bisher hatten wir eigentlich immer gemeint, es sei die Funktion des Zolls, bei Einkäufen, die im Ausland getätigt werden, für einen Ausgleich zum Schutz des Inlandmarktes und gleichzeitig für Bereicherung des Staatssäckels zu sorgen. Man kann sich den Finanzexperten deutlich vorstellen, der da über seinem Schreibtisch grübelt, während der Wurm an seinem Herzen nagt, daß irgend etwas – und nun gar Bücher – zollfrei die Grenzen passieren. Bis auf einmal ein seliges Lächeln seine bürostaubzerfurchten Züge verklärt: Heureka – die Umsatzsteuerausgleichssteuer! Hat die Freie Hansestadt so etwas nötig?