Sein kurzer Schlaf im Garten war tief und traumlos gewesen, doch mußte ihn ein Geräusch oder eine Berührung erschreckt haben – etwas wie ein Frostschauer, dachte er, während er reglos horchend wie gebannt unter dem heißen Lichte lag, das seine Lider rot durchflimmerte. Nach wie vor summten die Bienen im Kirschbaum, von dessen Zweigen der Blütenschnee rieselte. Annes Kleid und Haare waren davon weiß gewesen. Anne –. Er wußte plötzlich, was ihn aufgeweckt hatte. Es war kein Geräusch gewesen, sondern die leere, tote Stille; die Anne zurückgelassen hatte, als sie sich davonstahl, und daß dieses Gefühl der Öde und Verlassenheit bereits durch seinen Schlaf hindurch in sein Bewußtsein dringen konnte, ein Gefühl, das ihn bei jedem Abschied von ihr überwältigte, als sei die Welt plötzlich ihrer Farbigkeit beraubt, als sei sie, Anne, der Quell allen Glanzes – er warf den Kopf herum und sah den leeren, von Kirschblüten übersäten Liegestuhl mit dem zerdrückten Kissen, auf dem ihr Kopf geruht hatte. Im Vorbeigehen mochte ihr Rock seine herabhängende Hand gestreift haben. Vielleicht lachte sie auch, als sie ihn schlafen sah – redlich, ein bißchen dümmlich und sehr hingebungsvoll, so hatte sie einmal sein schlafendes Gesicht beschrieben, und wer weiß, welche Narrenmaske der Schlaf ihm heute aufgesetzt hatte. Sie nannte ihn Robby, um nicht Robert sagen zu müssen, und gäbe es bindende Regeln in diesem ganz und gar unlauteren Spiele, würde dieser Kampf ehrlich und gerecht geführt, Kampf einer bis an die Zähne Gerüsteten gegen einen Waffenlosen, dachte er erbittert, er, Robert, brauchte nicht länger diese Niederlagen zu erleiden, die aus ihm einen Hanswurst und Harlekin machten, einen durch und durch lächerlichen Menschen. Er war Frauen stets beherrscht und souverän begegnet, und er haßte sich dafür, daß er Anne nicht entbehren konnte, aber noch heftiger haßte er sie, Anne, die weniger auf ihn angewiesen war als er auf sie – sie brauchte nichts und niemanden, und er hätte sie dafür beschimpfen und schlagen mögen. Ach, dachte er, sie würde es mit der gleichen Gelassenheit erdulden, mit der sie schwieg, lächelte, Ausflüchte suchte und log. Nie war ihr innerer Widerstand, den er doch beinahe körperlich fühlte, festzunageln, nie kam er in Worten und Taten zum Ausdruck; Anne widersprach ihm kaum, und sie tat meist, was er wollte. Aber sie tat es, als sei zufällig ihr Wille auch seiner gewesen, mehr, als habe er ihren Willen erraten und ihr zuliebe ausgesprochen, was sie sowieso im Sinne trug. Keine Umarmung stillte seinen Hunger nach ihr, seinen Haß, seine Liebe – er brannte lichterloh wie ein verdorrter Baum, den der Blitz traf, und alle Eitelkeit war längst aus ihm herausgebrannt, ja, er empfand geradezu Mitleid, wenn er Fred Buchow beobachtete, den Anne Brüderchen nannte – hol ihn der Teufel! Damals, als Anne den verliebten Jungen am Narrenseil führte, hatte Robert gelacht. Sie tat es mit unschuldiger Miene, und sie brauchte nur anzudeuten, daß sie die Männer fürchte und noch Kind bleiben wolle (im Stile von 1890, den sie virtuos beherrschte), und Fred schmolz vor Rührung dahin: "Ich will dich nicht drängen, Anne." Er blickte mehr als bestürzt drein, als Anne dann plötzlich Robert heiratete. Aber kuriert war er nicht, vielmehr spreizte er sich noch immer vor ihr wie ein balzender Pfau, ignorierte sie verzweifelt und vergeblich, präsentierte ihr eine neue Freundin nach der anderen – seine Manöver blieben wirkungslos, und Robert hätte ihm gern zugerufen: gib’s auf. Sie hat keine Seele. Ebensogut könntest du versuchen, dem Kirschbaum dort oder einer behaglich schnurrenden Katze zu erklären, daß du leidest. –

Er hob den Kopf. Ihm war, als hätte er Stimmen gehört. Unter finster gerunzelten Brauen spähend schlich er zur Laube, wo hinter den summenden Duftwolken der Fliederbüsche Anne und Fred saßen – ein kurzer Blick in Freds Gesicht genügte, um zu wissen, was gesprochen worden war und in welcher Hölle Fred sich wand, doch es war keine Spur weiblichen Triumphes in Annes Augen, nur das unverhohlene Staunen eines Kindes, das mitten

im Spiele, in der scheinbaren Unordnung eines wimmelnden Ameisenhaufens plötzlich ein fremdes Lebensgesetz ahnt. "Das muß schrecklich sein für dich", sagte sie mit der gleichen gelassenen Stimme, die Robert manchmal versicherte, daß sie, Anne, "natürlich" ohne ihn leben könnte – "nur, ich mag gar nicht. Weshalb fragst du?"

"Anne, ich will Robert nicht hintergehen, aber ich ertrage nicht länger, daß er dich tyrannisiert–" "Robby?" sagte Anne verwundert. "Aber du irrst dich. Er tyrannisiert mich nicht. Er fühlt sich nur noch nicht ganz zu Hause in seiner Haut. Er ist so jung", fügte sie wohlwollend hinzu.

"Er ist zehn Jahre älter als du", sagte Fred wütend, "und du liebst ihn? Liebst du mich? Ich will es jetzt wissen, Anne! Ich gehe hier nicht weg, ehe ich es weiß. Es macht mich krank, immerzu denken zu müssen, daß du nicht glücklich bist und daß du es vielleicht sein könntest – mit mir."

"Aber ich bin glücklich", sagte Anne, und der Lauscher hinter den Fliederbüschen sah die ganz? Skala seiner eigenen Gefühle auf Freds Gesicht gespiegelt – was zuletzt übrigblieb, war diese lähmende Ratlosigkeit, die jeden Augenblick in Zorn umschlagen konnte.

"Du liebst ihn also", sagte Fred gepreßt, und Anne, plötzlich um einen Schein blasser, um ein Grad unsicherer, antwortete mit einer Stimme, die ein wenig zitterte – endlich, endlich! dachte Robert, doch es war nur Fred, der diesen dürftigen Sieg errungen hatte: