Venedig und der Tourismus

"Müde war ich geworden, nur immer Gemälde zu sehen Herrliche Schätze der Kunst, wie sie Venedig bewahrt."

Goethe, Venezianische Epigramme

Mutter wünschte, ich sollte, solange ich in Venedig war, etwas von seiner Kunst und Architektur erlernen, doch hatte sie nur mäßigen Erfolg. Wie Goethe, so war auch ich der Gemälde müde geworden. Ich wünschte nur, mich von all den Madonnen und Magdalenen dem lebenden Gesicht neben mir zuzuwenden, dem der Carlina, die blond war wie die Jungfrau auf der Hochzeit zu Kusine.

Zur Zeit meiner Kindheit glaubte man, der hohepriesterliche Ruskin habe das letzte Wort in allen, die venezianische Malerei und Architektur betreffenden Fragen gesprochen. Die Räume, die dieser Messias in der Pensione Calcina bewohnt hatte, waren noch ein von seinen Jüngern verehrtes Heiligtum. In jedem Reiseführer wurde er zitiert. Augustus Hare druckte viele Seiten aus seinen Stones of Venice ab. Folgendes – über die Basilika von Sankt Markus, von der Bocca di Piazza gesehen – ist nur ein kurzes Bruchstück aus einem viel längeren Auszug:

"... über alle diese Scharen von Bogenanordnungen hinaus entsteigt der Erde eine Vision, und der ganze große Platz scheint sich in einer Art Ehrfurcht zu öffnen, damit wir sie von weither sehen können: – eine Vielzahl von Pfeilern und weißen Kuppeln, die sich zu einer langen, niedrigen Pyramide farbigen Lichtes vereinigen; sie erscheint wie ein angehäufter Schatz, teils aus Gold, teils aus Opalen und Perlmutter, der unten zu fünf großen Portalen ausgehöhlt ist, mit schönen Mosaikdecken und mit Skulpturen aus Alabaster, der durchsichtig wie Bernstein und köstlich wie Elfenbein ist –, phantastische Skulpturen, die eingehüllt sind in Palmen und Lilien, Trauben und Granatäpfel; Vögel hängen an und flattern zwischen Zweigen, die ein unendliches Geflecht von Knospen und Federn bilden; und in der Mitte die feierlichen-Gestalten von Engeln mit Zeptern und bis zu den Füßen fallenden Gewändern; sie lehnen sich über den Pforten aneinander, und ihre Gestalten sind nur undeutlich zu erkennen zwischen dem Goldgrund, der durch die Blätter neben ihnen schimmert und unterbrochen und matt ist wie das Morgenlicht, als es nur schwach durch die Zweige des Paradieses drang, solange seine Tore vor langer Zeit noch von Engeln bewacht wurden ..."

Das ist eine schöne, des Gegenstandes würdige Beschreibung. Trotzdem hatte ich in meiner ersten Jugendzeit eine heimliche Vorliebe für das, was Mark Twain in seinem "Tramps Abroad" darüber zu sagen hat: