Alles wäre leichter, wenn sich Rücksichtslosigkeit besser in Paragraphen fassen ließe. So einfach, wie es sich der Herr Bundesverkehrsminister und seine Experten manchmal zu denken scheinen, geht es nicht. Schon die Faustregel, wonach jemand etwa mit 0,7 Promille Alkohol im Blut noch als nüchtern, mit 0,9 Promille als betrunken gilt, hat ihre fragwürdigen Seiten. Dazu kommt, daß es Leute gibt, die in nüchternem Zustand rücksichtsloser sind als mancher Quartalssäufer. Aber zu behaupten, daß jemand, der mit 65 Stundenkilometern rücksichtslos fährt, bei 55 Stundenkilometern rücksichtsvoll würde, widerspricht allen Erfahrungen.

In Frankreich, in England, in Italien wird schneller gefahren als in Deutschland. Das in der ganzen Welt einzig dastehende Blutbad, das auf unseren Straßen angerichtet wird, wo alljährlich die Bevölkerung einer kleinen Stadt ausgerottet wird, hat andere Gründe. Die Erfahrungen, die wir bisher mit Geschwindigkeitsbegrenzungen, gemacht haben, beweisen jedenfalls, daß dadurch gar nichts erreicht wird. Wer das bezweifelt, stelle sich einmal an eine der vielen hundert Baustellen auf unseren Autostraßen. "Geschwindigkeit auf 20 Stundenkilometer begrenzt", steht da. Kein Mensch hält sich daran – und man kann es eigentlich auch niemandem zumuten.

Aber nicht nur, daß durch gesetzlich festgelegte Geschwindigkeitsbegrenzung nichts erreicht wird – weit schlimmer: Ein solches Gesetz muß zwangsläufig (wie die 20 Stundenkilometer an der Baustelle zeigen), loyale Staatsbürger zu gewohnheitsmäßiger Gesetzesübertretung verleiten. Es würde überdies zu einer noch unerträglicheren Verstopfung der Verkehrswege führen. Es würde die wildgewordenen Autofahrer, die jeder von den Straßen verbannt wissen möchte, nur ermutigen, mit 55 Stundenkilometern Fußgänger anzufahren, Radfahrer an die Wand zu drücken, rasant in Hauptverkehrsstraßen einzubiegen, unmotiviert die Fahrbahn zu wechseln, plötzlich auf die Bremse zu treten.

Warum nicht die ganze Sache (zusammen mit der dafür notwendigen finanziellen Unterstützung) in die Hände von Leuten legen, die davon etwas verstehen – des ADAC zum Beispiel? Denn es handelt sich ja nicht darum, unsere Autofahrer zu Schnecken zu machen – sondern zu Menschen.

Leo