Nach dem Spiel gegen Holland kann nun der deutsche Fußball-Weltmeister seit dem Triumph in Bern 1954 acht Niederlagen (gegen England, Belgien, Frankreich, Italien zweimal, Sowjetrußland und Jugoslawien) und lediglich drei Siege gegen zweitrangige Fußball-Nationen (Portugal, Irland und Norwegen) verzeichnen. Nur vier Mann! von der Weltmeister-Elf spielten in der vergangenen Woche in Düsseldorf mit. Vielleicht aber liegt der Grund zu dieser neuen Schlappe gerade darin, daß sie dabei waren, denn sie tragen noch immer an der schweren Bürde des Weltmeister-Titels und balsten mit ihr auch die übrigen Spieler, die diesem! verpflichtenden Druck nicht gewachsen sind. Es ist sinnlos, nach anderen Entschuldigungen und Erklärungen für das katastrophale Versagen unserer einst so siegesstolzen Mannschaft zu suchen. Wichtiger dürfte es sein, eine neue Repräsentativ-Elf aufzustellen, und zwar ohne einen der in Bern beteiligt gewesenen Männer, mag er auch heute noch so brauchbar sein wie früher, mag es noch so ungerecht erscheinen. Denn solange auch nur einer (und vornehmlich der Spielführer) aus dem Berner Team mit dabei ist, wird der Weltmeisterruhm in verhängnisvoller Weise auf den neuen Spielern lasten.

Dieses fortdauernde Versagen ist nicht damit zu stoppen, daß man Herberger in die Wüste schickt, was von verschiedenen Seiten offen von der Führung des Deutschen Fußballbundes gefordert wurde. Das Ganze hat nichts mit einer verfehlten Taktik des Bundestrainers, seiner Sturheit oder seinem angeblich mangelnden Verständnis für die Verjüngung der Mannschaft zu tun. Das Unheil wird deshalb auch in keiner Weise dadurch gebannt werden, daß man ihm einen gleichberechtigten, starken Mann zur Seite stellt. Man spricht von einem Bankrott Herbergers, wo man von einem Bankrott des Gemeinschaftssinnes im DFB sprechen sollte.

Die Spieltaktik bleibt stets den Spielern und ihren Unterführern überlassen, und sie hat sich allein nach dem Verhalten des Gegners zu richten. Ein Trainer kann seinen Leuten Technik beibringen, aber keine Intelligenz verleihen. Das zeigte sich im Rheinstadion sehr deutlich. Man wirft Herberger vor, keinen Mut zu einem Risiko zu haben, doch da, wo er in der Schweiz ein ausgesprochenes Risiko einging, war man auch nicht mit ihm zufrieden und tadelte ihn wegen seines Leichtsinns. Was soll also ein Mann wie Herberger anstellen, um seinen Kritikern zu gefallen? Soll er zurücktreten?

Was würde damit gewonnen sein? Es ist fraglich, ob ein neuer Mann mit dieser Elf mehr Erfolg haben wird. Alles schreit heute nach dem Mann, der das Wunder bringen soll, wo es doch besser wäre, dem Bundestrainer Vertrauen und Unterstützung zu geben. Nur damit kann er eine völlig neue deutsche Nationalmannschaft aufbauen. Dann wird kein Gegner mehr triumphierend sagen können, er spielte gegen den Weltmeister; dann ist es auch gleichgültig, ob wir siegen oder unterliegen; aber dann kann der Weg zur neuen Weltmeisterschaftsrunde unbeschwert angetreten werden. Wir dürfen in Zukunft nur noch eine Mannschaft in den Kampf schicken, die nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen hat. Damit sollte man sofort beginnen und schon den nächsten Länderkampf mit dieser neuen Gruppe bestreiten. W. F. Kleffel