Von Tag zu Tag mehren sich die Stimmen, die glauben, daß wir das Ausklingen einer großen Kulturepoche miterleben. Und hinter jeder dieser Feststellungen steht die bange Frage nach dem "Wie" der kulturellen Fortentwicklung. Es bleibt nicht aus, daß man dabei aus mancherlei Ressentiments etwas pessimistischer als vielleicht nötig der Zukunft entgegensieht. Nun, den Pessimisten par exellence sei das Buch von

Gabriel Veraldi: "Einem Engel zum Gedenken." Roman. Stahlberg Verlag, Karlsruhe, 295 Seiten, 14,80 DM.

empfohlen. Sie werden sich in vielem beschuldigt finden, obwohl das Buch auch Ansätze birgt, die in Analyse, Auffassung und Formulierung für die sogenannte "hoffnungslose Generation" richtungweisend und darüber hinaus vielleicht auch Basis für eine Weiterentwicklung sein können.

Der 29jährige Veraldi scheint als Prototyp des heutigen jungen Intellektuellen geradezu prädestiniert, ein Buch wie das vorliegende zu schreiben. Nach einer aufreizend unbekümmerten Jugend erlebte er den Krieg und war 1944 gerade alt genug, um mit mörderischen Waffen in den jugendlichen Händen das Ende zu erkämpfen. Danach zog er die Uniform so rasch es ging wieder aus und widmete sich der wissenschaftlichen Arbeit, vorwiegend biologischen Studien.

Mit der Heimkehr des jungen Biologen und Ex-Panzeroffiziers Gabriel Dame beginnt auch das Buch. Aber der Unterschied zwischen dem Autor und dem Helden des Buches besteht darin, daß Dame das durch den Krieg unterbrochene Studium nicht wieder aufnimmt. Um aber die Illusion einer Beschäftigung zu haben, beginnt er mit der Führung eines Tagebuches. Bald jedoch verschaffen ihm sexuelle Orgien eine viel stärkere Befriedigung als der literarische Exibitionismus. Aber hinter diesen orgiastischen Ausschweifungen verbergen sich weder pure Sinnlichkeit noch reines Vergessenwollen, sondern eine viel tiefer greifende Revolte. Dame analysiert sich folgendermaßen: "Der Staat bietet uns nicht mehr die Möglichkeit einer wirklich aufbauenden Tätigkeit, sondern verwandelt uns in Funktionäre einer riesigen abstrakten Fabrik, die gegen die Zivilisation und Kultur... arbeitet. Wodurch bei mir eine Art chronischer Haß entsteht... Da ich nicht einfältig genug bin, um mich einer der politischen Parteien anzuschließen, die diesem Wutzustand ... Richtung und Spielraum verleihen ..., befriedige ich mich an einer Revolte, die niemandem Schaden zufügt" Auf diese Weise löst er nach und nach den Rhythmus seines Lebens aus den gesellschaftlichen Bezügen, und in der Einsicht, daß eine kollektive Revolution unmöglich ist, beschränkt er sie auf seine private Sphäre.

Das ist ein faszinierendes Buch – obwohl viele Probleme bereits in den ersten Anläufen steckenbleiben. Es ist Dame dennoch gelungen, das gespaltene Bewußtsein der jungen und intellektuellen Generation deutlich zu machen. g. b.