Eine Auslese aus mehr als zweitausend Leserbriefen an die ZEIT

Nach erbitterten Kämpfen, Koalitions- und Fraktionsbrüchen wurde in der letzten Woche vom Bundestag mit überwältigender Mehrheit das alte Wahlrecht angenommen – so, als hätten all diese Kämpfe gar nicht stattgefunden. Der Bundestag von 1957 wird nach dem gleichen Verfahren gewählt werden wie der Bundestag von 1953. Die Diskussionen, die dem Gesetz vorausgingen, sind trotzdem nicht verlorene Liebesmüh’: weil die Frage nach dem Wahlrecht periodisch im Leben aller demokratischen Staaten immer wieder akut wird und weil sie zum Nachdenken über komplizierte innenpolitische Probleme anregte und damit weit über den Kreis der Berufspolitiker hinaus wirkte. Die ZEIT hatte in ihren Ausgaben vom 23. Februar und vom 8. März die Wahlrechtsexperten der FDP, CDU und SPD zu Wort kommen lassen und dann ihre Leser um Stellungnahme gebeten. Dabei entschieden sich (nach inzwischen noch eingegangenen Zuschriften) 1623 für das Mehrheitswahlrecht und 517 für das Verhältniswahlrecht (nach dem der Bundestag weiterhin gewählt wird); 53 konnten zu keiner klaren Entscheidung für das eine oder andere kommen. Die Kommentare zu den "Abstimmungszetteln" unserer Leser waren so reichhaltig und interessant, daß wir uns entschlossen haben, noch einmal eine Auslese abzudrucken. Freilich muß noch immer die Mehrzahl der Zuschriften unveröffentlicht bleiben. Wir bitten dafür um Verständnis und danken an dieser Stelle nochmals allen Lesern für ihr großes Interesse und ihre rege Anteilnahme.

Eine Frage an Dr. Menzel

Warum hindern Sie die SPD, indem Sie für das Verhältniswahlrecht eintreten, daran, in absehbarer Zeit zum großen Sammelbecken der Unzufriedenen und damit – allen Wahlkreisspekulationen der Union zum Trotz – zu der von Existenzkrisen anderer Parteien unabhängigen Regierungspartei von morgen zu werden?

Mir scheint, dem SPD-Vorstand fehlt außer Selbstvertrauen nichts als ein wenig Mut, den befreienden Sprung auf neues Land zu wagen.

Jürgen Strubbe, Frankfurt (Main)

Keine Unterlassungssünde