Eingebettet in die Taunuswälder, mitten im industriellen Rhein-Main-Gebiet und doch in respektablem Abstand von dröhnenden Werkstätten und rauchenden Schloten, an der Pforte zum romantisch-weinseligen Rheingau, bewahrte sich die Landeshauptstadt den Charakter der Residenz – nicht mehr der nassauischen Grafen und Herzöge, nicht mehr des letzten deutschen Kaisers, der die weltbekannten Maifestspiele begründete, sondern einer Residenz seiner Majestät des Gastes, des Fremden.

Die heißen Quellen, die aus dem vulkanischen Urgestein in gleichmäßiger Fülle und bei gleichmäßiger Temperatur seit Jahrhunderten ans Tageslicht steigen, sind ein Anzeichen dafür, daß über den Alltäglichkeiten des menschlichen Daseins eine ewige Naturkraft in verschwenderischer Güte waltet.

Genesen und Genießen gehören hier zusammen. Wiesbadens Eleganz spiegelt die Wilhelmstraße, die Promenade mit dem grünen Ufer, die man gern mit Düsseldorfs "Kö" und dem Berliner Kurfürstendamm vergleicht. Staatstheater, Kurhaus und Brunnenkolonnade, in klassischer Zusammenordnung durch Rasen und Blumen zu einem Ganzen verbunden, sind in neuem Glanz erstanden. Am Südrand der Innenstadt wächst die neue Kongreßhalle aus dem Fundament.

Zum siebenten Male seit Kriegsende rüstet sich Wiesbaden auf die Internationalen Maifestspiele, die unter der Leitung des Staatsintendanten Dr. Friedrich Schramm den Willen zu einem fortwährenden Wettbewerb der europäischen Völker bekunden.

Wiesbaden ist kein Luxusbad für die "oberen Zehntausend". Hier ist jeder willkommen, der die Schätze zu würdigen weiß, die Natur und Kultur in Jahrtausenden aufgehäuft haben. Für das Zerstörte wurde Neues, vielleicht sogar Besseres geschaffen; die Bürgerschaft dieser Stadt hat trotz aller Nöte der Nachkriegszeit den Glauben an Wiesbadens Zukunft als Residenz des Gastes bewahrt und für dieses Ziel gearbeitet.

Dr. Erich Mix, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Wiesbaden