Von F. Dassel

Aus dem Text des 6. Fünfjahreplanes hatte es sich herauslesen lassen, daß die sowjetische Kommandowirtschaft intensiviert werden soll. Verlauf und Beschlüsse des XX. Parteikongresses ließen erkennen, daß der Grad dieser Intensivierung – für westliche Begriffe – recht hoch sein wird, und die nun im Eiltempo einander folgenden Ausführungsbestimmungen von Partei und Regierung bezeugen, daß die Diktatur entschlossen ist, in der praktischen Durchführung ihrer Planungen bis zur äußersten Konsequenz zu gehen. Vereinfacht heißt die Formel: Sämtliche Arbeitskräfte werden total mobilisiert, dem Produktionsprozeß in Industrie und Landwirtschaft zugeführt und dem – ebenfalls totalen – Diktat der Parteiorganisationen und ihrer gewerkschaftlichen Hilfsorganisationen) unterstellt. Diese selber aber – also die primäre Exekutive schlechthin – wird im Höchstmaß gesäubert, erneuert und gestrafft. Evident ist, daß dieser Prozeß – Festigung des Gefüges der Parteiapparatur und Steigerung ihrer Durchschlagskraft – den entscheidenden Faktor in der Gesamtplanung darstellt, und diesem Umstand entsprechen auch die eingeleiteten Maßnahmen.

Seit Januar tagen in der gesamten UdSSR die Parteiorganisationen aller Stufen; die parteioffiziösen Berichte lassen erkennen, daß Säuberungen und Erneuerungen – diese vor allem durch Frauen und Jugendliche – laufend vorgenommen werden. Die gewichtigste Maßnahme aber wurde in dieser Richtung von Chruschtschow auf dem Kongreß verkündet: Die Parteifunktionäre haben die volle Verantwortung für den Ablauf des Produktionsprozesses zu tragen, und jedes Versagen kann mit Schmälerung, wenn nicht mit vollem Entzug der materiellen Existenzbasis bestraft werden. Diese Ultimo ratio dürfte unerläßlich geworden sein; denn im gleichen Bericht war festgestellt worden, daß die Gesamtzahl der in den Kolchosdörfern tätigen Kommunisten unter anderthalb Millionen gesunken ist – im Herbst 1954 gab es deren (nach Angaben der "Prawda" und "Iswestija") etwa zweieinhalb Millionen –, daß die Aufsicht in den Kohlengruben von nur 90 000 Kommunisten geführt wird (insgesamt zählt die sowjetische KP heute über sieben Millionen Mitglieder) und daß von den 30 000 kommunistischen Funktionären, die am 5. April 1955 aus Städten und Industriezentralen als Kolchosvorsitzende in die Dörfer kommandiert worden waren, heute nur noch 20 000 amtieren. Die sehr fühlbar gelockerte Parteidisziplin muß also nunmehr mit allen nur denkbaren Mitteln wieder hergestellt werden ...

Hinsichtlich der Intensivierung der Kommandowirtschaft in der Industrie sind bisher noch keine generellen Bestimmungen verkündet worden, und die entsprechenden Maßnahmen konzentrieren sich vorläufig darauf, daß die führenden großindustriellen Kombinate von ihren Parteiorganisationen veranlaßt werden, Sonderverpflichtungen zu verkünden, die alsdann allen verwandten Betrieben (und Industriezentren) als verpflichtende Beispiele vorgehalten werden. So hat sich das Kusnetzker Kohlenbecken zu einer "Überplanförderung" von mindestens 400 000 t Kohlen je Jahr verpflichtet, und das Magnitogorsker metallurgische Kombinat hat versprochen, noch im laufenden Jahr 75 000 t Guß- und 25 000 t Walzstahl über das Plansoll hinaus zu erzeugen.

Anders sieht es mit den am 10. März verkündeten neuen Bestimmungen für die Landwirtschaft aus. Sie sind in Gestalt einer "Abänderung der Kolchosstatuten" erlassen worden und stellen ein Meisterwerk bolschewistischer angewandter Sophistik dar: Das Zentralkomitee der KP und der Ministerrat befehlen nicht, sondern sie "raten und empfehlen den Generalversammlungen der Kolchosen zu beschließen": Es wird ein obligatorisches Minimum an Arbeitsleistungen für jedes Familienmitglied in der Gemeinschaftswirtschaft fixiert. Wird dieses Minimum nicht erreicht, dann soll das private Hofland der Säumigen verringert werden. In jedem Fall aber soll der private Viehbesitz der "Kolchosniki" zugunsten der Gemeinschaftsbestände reduziert werden. Wozu zu sagen ist, daß dieser private Viehbesitz seit September 1953 – Malenkow lockerte damals das Kolchossystem – ganz erheblich gewachsen ist, während sich der Gemeinschaftsbestand verringerte. Und schließlich wird die Generalversammlung der Kolchosbauern ermächtigt, besondere Gratifikationen allen den Kolchosniki zu bewilligen, die sich besonders eifrig um die Gemeinschaftswirtschaft bemühen und rationelle Neuerungen einführen. So die Bestimmungen, die als "Verwirklichung des demokratischen Prinzips" etikettiert wurden, in praxi aber natürlich nichts anderes bedeuten, als daß alle Kommandogewalt im Kolchos nunmehr inappellabel in die Hände der Parteiorganisation gelegt worden ist: Jeglicher Versammlung wird ein Vorschlag der Partei zur Abstimmung vorgelegt, und diese verläuft immer nicht nur positiv, sondern auch einstimmig; denn wenn heute die Bauern wirklich nach eigenem Ermessen beschließen könnten, dann gäbe es morgen keine Kolchose und übermorgen keine Sowjetmacht mehr...

Drei Tage später, am 13. März, sind weitere Bestimmungen proklamiert worden: Mit sofortiger Wirkung wird mit der "radikalen Verbesserung der Gemeinschaftsspeisung" begonnen. Das heißt, es wird ein Riesenprogramm der Errichtung von Speiseanstalten, Imbißhallen und Teestuben durchgeführt. Kein Industriebetrieb, kein Unternehmen, gleichviel welcher Art, kein Kolchos ohne eigene Speiseanstalt und Teestube, lautet die Parole, denn ... "die Gemeinschaftsspeisung fördert den sozialistischen Umbau der Lebensweise und befreit viele Millionen Frauen von der unproduktiven Hausarbeit, um sie der produktiven Arbeit zuzuführen!" Des weiteren wird verfügt, daß sich alle alten und neuen Speiseanstalten mit größter Beschleunigung auf den automatischen Betrieb – also auf Selbstbedienung – einzustellen haben, damit die Riesenzahl der Kellner und Kellnerinnen ebenfalls dem Produktionsprozeß zugeführt werden kann... "Eine Sache großer staatlicher Bedeutung" nannte der Leitartikler der "Prawda" diese Bestimmung. Und verkündet wurde, daß weitere Bestimmungen zur praktischen Verwirklichung der Kongreßbeschlüsse in Kürze folgen werden.

Das Robotsystem strebt fühlbar seiner Kulmination zu, und durch alle Beschlüsse und Bestimmungen zieht sich ebenso fühlbar das Leitmotiv: Ein Absinken der Produktion um jeden Preis verhindern ...