Der seit drei Jahren im amerikanischen Kongreß bestehende Waffenstillstand in dem Streit um die Rechte der Neger hat durch das von 19 Senatoren und 81 Abgeordneten der Südstaaten vorgelegte "Manifest" plötzlich ein Ende gefunden. In diesem Dokument verpflichten sich die einhundert Kongreßmitglieder durch ihre Unterschrift, die Entscheidung des Obersten Bundesgerichtes über die Unzulässigkeit der Rassentrennung an den staatlichen Schulen und Universitäten "mit allen gesetzlichen Mitteln" unwirksam zu machen.

Mit wenigen Ausnahmen sind die Unterzeichner des "Manifestes" Demokraten, die sich damit in einen scharfen Gegensatz zur Mehrheit ihrer Fraktion gebracht haben, deren Ziel es ist, eine möglichst schnelle Beendigung der rassischen Diskriminierung herbeizuführen. Die Spannungen zwischen den beiden Flügeln der demokratischen Partei sind so groß geworden, daß die Unterzeichner ernsthaft die Gründung einer eigenen Partei in einigen Südstaaten erwägen, falls auf dem kommenden Parteikonvent in Chikago die Aufnahme eines Bekenntnisses zur Gleichstellung von Weißen und Negern in das für den Wahlkampf bestimmte Parteiprogramm beschlossen werden sollte.

Die Vorstellung, wonach die 18 Südstaaten, zu denen ja auch Columbia mit der Bundeshauptstadt Washington gehört, in der Ablehnung der Rassengleichberechtigung einen einheitlichen Block bilden, ist falsch. Der Widerstand gegen diese Gleichberechtigung wechselt. Im allgemeinen macht er sich in denjenigen Staaten am stärksten bemerkbar, wo die Neger besonders zahlreich sind. An der Spitze steht der Staat Mississippi (mit 42 Prozent Negerbevölkerung), dessen Regierung wiederholt erklärt hat, sie denke nicht daran, die Entscheidung des Obersten Bundesgerichtes anzuerkennen. Der Staat, der sich schon früher wenig um die bis 1954 gültige Rechtsprechung aus dem Jahre 1896 gekümmert hat, wonach "getrennte, aber gleiche" Ausbildungsmöglichkeiten für Weiße und Neger vorgesehen waren, scheint jetzt wenigstens der Verbesserung der Schulen für Neger etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

In Südcarolina führten die Entscheidungen des Obersten Bundesgerichtes zu einer Verschlechterung der Beziehungen zwischen Weißen und Negern. Das Parlament verabschiedete ein Gesetz, nach dem einer Schule mit sofortiger Wirkung alle staatlichen Zuschüsse entzogen werden, wenn durch Gerichtsurteil die Zulassung eines Negerschülers verfügt werden sollte. Die Stimmung unter der weißen Bevölkerung ist so gereizt, daß nach Ansicht neutraler Beobachter mit ernsten Unruhen gerechnet werden muß, falls die Rassentrennung wirklich aufgehoben werden sollte.

Das gleiche trifft auch für den Staat Alabama zu, der als ein Symbol des Widerstandes gelten kann. Die jüngsten Vorfälle an der Universität dieses Staates, in Tuscaloosa, wo die 26jährige Negerin Autherine Lucy daran gehindert wurde, ihr Studium aufzunehmen, beweisen dies ebenso deutlich, wie die scharfe Reaktion der weißen Bevölkerung und der Behörden gegen die Führer des Boykotts, den die Neger seit vier Monaten gegen die städtischen Omnibusse in der Landeshauptstadt Montgomery durchführen. Zu diesem Boykott war es gekommen, weil eine Negerin gemaßregelt worden war, die den "gelben Strich" überschritten hatte, der in den Omnibussen Weiß und Schwarz trennt. Die Angriffe auf die Wohnungen von zwei Führern der Boykottbewegung und die gerichtliche Verfolgung von neunzig Negern auf Grund eines Antiboykottgesetzes sind Anzeichen dafür, daß die Rassenschranken in Alabama eher höher als niedriger werden.

Eine Ausnahme von der Faustregel, "je höher der Bevölkerungsanteil der Neger, desto stärker der Widerstand gegen die Beseitigung der Rassentrennung", bildet der Distrikt Columbia mit der Bundeshauptstadt Washington. Hier wurde innerhalb von zwei Jahren das gesamte Schulwesen reformiert. Es gibt im Distrikt keine öffentlichen Schulen, Lehranstalten oder Universitäten., die nicht von Negern besucht werden dürfen. Sorgfältige Beobachtungen haben allerdings ergeben, daß diese Umstellung ein Absinken der Leistungen zur Folge hatte.

Zu der Gruppe derjenigen Südstaaten, die gegen die Aufhebung der Rassentrennung in den Schulen keinen grundsätzlichen und einheitlichen Widerstand leisten, gehören Texas, Louisiana, Arkansas, Tennessee, Nordcarolina, Florida und Delaware. In diesen Staaten gibt es einige Landesteile, in denen mit der Schulintegration begonnen worden ist, während andere Gebiete des gleichen Staates sich dagegen sträuben.