Einer hat es dem anderen weitergesagt, daß wir im "Zeitalter der Angst" leben, und nun ist es herum. Der gute Ton verlangt, daß wir uns ausgeliefert fühlen auf Gnade und Ungnade – ausgeliefert den Atomkernen, den Isotopen, den Thermonuklearen und den Spaltungsreäktionen. Wer sich nicht blamieren will, posiert heute nicht nur, wie in grauer Vorzeit Oswald Spengler, den Untergang bloß des Abendlandes, sondern gleich global den unaufhaltsamen Untergang der Menschheit durch eben die Atomtechnik, die uns, wenn sie uns nicht durch Bomben vernichtet, so doch durch den Automatismus ihrer Maschinen entseelen und zu Robotern machen wird...

Ist es wirklich so schlimm? Treiben wir wirklich unrettbar dem Abgrund zu, oder befinden wir uns nicht vielleicht schon am Ende einer zehnjährigen Schreckreaktion, die am Tage von Hiroshima einsetzte und sich zur H-Bomben-Neurose steigerte? Sollte nicht schon die Zeit der nüchternen Überlegung gekommen sein?

Von dieser besseren Möglichkeit ausgehend, veranstaltete die Hamburger "Neue Gesellschaft" eine Vortragsreihe "Der Mensch im Atomzeitalter", die den größten Hörsaal der Universität voll besetzt sah. Und es stellte sich heraus, daß die Denkergebnisse zweier ganz verschiedener exakter Wissenschaften auf höchst ermutigende Weise konvergieren: Der Münchener Kernphysiker Walther Gerlach und der Freiburger Soziologe Arnold Bergstraesser markierten, jeder aus dem Horizont seiner Grundlagenforschung, den Nonsens des Atompessimismus.

Nicht daß einer dieser beiden bedeutenden Gelehrten die Gefahr bagatellisiert hätte, in die die Verfügung über die Atomenergien führen kann, die ja nun wirklich unzweideutig das Maximum der vom Menschen ausübbaren "Macht über die Natur" darstellt und eben deshalb auch eine noch nie zuvor dagewesene Zusammenballung wirtschaftlichpolitischer Macht erfordert – sei es als Gewalt über die Vernichtungsmittel, sei es als Vormacht in der Energiewirtschaft. Seitdem diese Dinge möglich geworden sind (genau: seit jenem Januartag 1939, an dem Otto Hahn die erste Kernspaltung gelang), gibt es kein Zurück. Das ist etwas Schicksalhaftes für die gesamte Menschheit, nicht etwa nur für das "Abendland". Es ist der unumkehrbare Schritt zur globalen Verhängnisgemeinschaft. Daher kann man verstehen, wenn manche Besorgten, zu einer modernen Form der "Weltflucht" aufrufend, die Enthaltsamkeit von aller weiteren Atomforschung und von jeglicher Atomtechnik empfehlen. Aber Professor Gerlach, Physiker und Humanist von hohem Rang, wußte zu zeigen, daß am Ende einer solchen Vermeidung des Risikos eben das stehen, würde, dem man auszuweichen hofft: das Ende des Menschen.

Aus der Kernspaltung des Elements Thorium, das sehr viel häufiger in der Erde vorkommt als Uran, läßt sich der für die Zukunft wichtigste aller Brennstoffe gewinnen, das Uran 233, und das heißt: es ergäbe sich eine Brennstoffreserve für Tausende von Jahren, ja, praktisch für beliebig lange Zeit. Zwar muß in Kauf genommen werden, daß der Grundstoff der Atombombe, das Plutonium, dabei als Abfallprodukt anfällt – die Kriegsverwendung als Nebenprodukt der Friedensverwendung! Aber was fängt der Mensch an, wenn die Kohle und das Erdöl erschöpft sind? Kurz, mit Gerlachs Worten: "Der Verzicht auf die Energieversorgung führt zum gleichen Tod der Menschheit wie die Bombe, nur vielleicht ein wenig langsamer." Also statt Scylla: Charybdis. Sache des humanistisches Denkens ist es aber, dürfen wir hinzufügen, für die Zukunft vorauszuplanen und nicht im Interesss der Sekurität der jetzt lebenden Generation das moralische Prinzip "Nach uns die Sintflut!" zu praktizieren.

Vorausdenken – wie weit kann der Mensch das? Wo liegen die Grenzen, an denen das Vorausdenken den Raum verletzen würde, den der Mensch, das Individuum, die Person, sich für seine Eigenständigkeit vorbehalten muß, wenn er Mensch bleiben will? Wo liegen sie gerade jetzt, im unwiderruflich beginnenden Atomzeitalter? Das waren die Fragen, auf die Arnold Bergstraessers Vortrag wesentliche Antworten gab. Die technischen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Atomenergie, so zeigte er, bringen eine rapide Beschleunigung aller jener Bewegungen in Gang, die durch die "erste industrielle Revolution" ausgelöst wurden: Die Arbeitsordnung wandelt sich, weil die Maschine hinfort nicht mehr die manuelle Arbeit ergänzen, sondern sie ganz ersetzen wird, so daß sich im industriellen Raum (dem Schicksalraum der gesamten modernen Menschheit, nicht nur der abendländischen) der Schwerpunkt auf die vordenkende Arbeit verlagert; damit ändert sich das soziale Gefüge, der "Handarbeiter" als sozialer Typ verschwindet, und das bedeutet, daß die Freiheitssphäre des Menschen – ob zu seinem Heil, ob zu seinem Verhängnis, bleibt abzuwarten – maximal erweitert wird; und dies neue Gefüge hat wiederum eine Umbildung der politischen Organisationsformen zur Folge.

In all diesen Prozessen sind wir mitten drin oder doch in ihren ersten Phasen, und das Bedenkliche ist, daß sie sich keineswegs so einfach und klar für jedermann zeigen, wie etwa einst die ständische Schichtung oder die feudale Ordnung, innerhalb derer jeder seinen Ort hatte. Heute, und seit dem Anbruch des Atomzeitalters besonders, müssen wir immerfort die Sonde ansetzen, immerfort mit dem Radargerät sozusagen an die Umwandlungen herangehen und, wie die Umgangssprache so treffend sagt, "die Lage peilen".