W. L., Passau

Sie waren noch nicht lange verheiratet. Er warBriefträger, und weil sie sich mit einer Versicherungsvertretung nebenbei etwas Geld verdiente, waren beide tagaus, tagein, treppauf, treppab in der kleinen Ortschaft bei Passau unterwegs. Müde und abgespannt sahen sie sich deshalb nur nach Dienstschluß.

Er war gerade versetzt worden, nach fast zehnjähriger Tätigkeit auf einem anderen Postamt, wo er als äußerst zuverlässig gegolten hatte. Aber Briefträger M. wurde von der Frau Amtsvorstand argwöhnisch beobachtet. Auch der Prüfungsbeamte vom Postamt Passau achtete besonders auf den Neuen, denn ausgerechnet seit der Zeit seines Amtsantritts stimmte die Kasse der Posthalterin nicht mehr. Es fehlten kleinere Beträge, um die sich ein Skandal nicht gelohnt hätte; aber immerhin, es fehlte Geld.

Das Jahr 1956 hatte begonnen. Briefträger M. empfing wie jeden Morgen seine Post und die auszutragenden Geldbeträge von der Posthalterin. Wie jeden Morgen zählte M. das Geld nach, wobei er aber diesmal 10,– DM zuviel feststellte, die er sofort der Posthalterin zurückgab. Dann machte er sich auf den Weg. Treppauf, treppab, bis er durchfroren seinen Dienst beendet hatte. Genauso verlief der nächste Tag. Allerdings fand Briefträger M. am Morgen bei den Zahlkartenbeträgen wieder zuviel Geld vor, das er sofort der Posthalterin zurückgab.

Er machte sich dabei jedoch Gedanken; denn Weihnachten hatte eine große Lücke in die gemeinschaftlichen Ersparnisse gerissen. Während er wieder treppauf, treppab durch den Ort wanderte, standen ihm die überschüssigen Geldbeträge vor Augen. Um zwanzig Mark zu verdienen, mußte seine Hanna fünf Versicherungsabschlüsse machen. Auch heute war sie wieder unterwegs, obwohl sie doch in der letzten Nacht so furchtbar gehustet hatte. Briefträger M. beneidete im stillen all die Leute, die immer soviel Geld zugeschickt bekamen.

Am anderen Tag stand er wieder im Amt. Auf der Fensterbank lag seine Post. Er sortierte und zählte dann das bereitgelegte Geld für die auszuzahlenden Postanweisungen. Hinter ihm am Schalter zeigte Frau Amtsvorstand dem Prüfungsbeamten aus Passau die Bücher. Der Briefträger sah nicht, daß ihn die Frau und der Mann gespannt beobachteten. Er wußte auch nicht, daß der tägliche Geldüberschuß von der Posthalterin absichtlich zugelegt worden war. Auch heute waren es wieder 20,– DM zuviel. Zögernd drehte Briefträger M. den überschüssigen Geldschein in den Händen. Das Blut klopfte in seinen Schläfen. Er trat von einem Bein aufs andere. Er dachte an seine Hanna und an ihre Erkrankung. Dann packte er plötzlich seine Postsachen und verließ grußlos das Postamt. Den überschüssigen Zwanzigmarkschein hatte er diesmal nicht abgegeben.

Frau Amtsvorstand und der Prüfungsbeamte sahen sich an. Dann rieben sich die beiden "Kollegen" die Hände. Endlich hatten sie ihn erwischt. Er war nicht ehrlich, und die Unregelmäßigkeiten in der Amtskasse schienen nun geklärt. Mit sichtlichem Stolz auf ihre kriminalistische Leistung verfaßten sie ihre Meldung an die "vorgesetzte Dienststelle". Allerdings bestand noch die Möglichkeit, daß Briefträger M. den zugelegten Zwanziger nach Dienstschluß zurückgeben würde. Man mußte sich also gedulden. Der Briefträger behielt den Zwanzigmarkschein. Er wurde "vernommen" und "seines Dienstes enthoben".