Am meisten scheint man sich in Pankow von der (staatlichen) Kapitalbeteiligung an noch lebensfähigen Privatbetrieben zu versprechen. Mit der bei braunen und roten Antidemokraten üblichen Spontanität hat sich in den Reihen der (ehemals bürgerlichen) Ost-CDU, der Liberal- und der National-Demokraten eine Handvoll von Parteigängern gefunden, die keinen sehnlicheren Wunsch haben, als die freigebig dargebotene Kommanditeinlage der staatlichen Investitionsbank anzunehmen und sich vom selbständigen Unternehmer zum gehaltsempfangenden Betriebsleiter degradieren zu lassen. Dabei haben es die Nuschke- und Loch-Demokraten der ersten beiden Parteien vor allem auf die Privatindustriellen abgesehen, während sich die National-Demokraten – die einst zum großen Teil auf Hitler und sein Militär geschworen hatten – mit besonderer Sorgfalt der Einzelhandels- und Handwerksbetriebe annehmen.

Das Verfahren ist stets das gleiche: einige wenige dieser Privaten, häufig gerade nicht die "volkswirtschaftlich wichtigen", sondern die weniger erfolgreichen, die ohnehin nichts mehr zu verlieren haben, lassen sich in einer Parteiversammlung von dem Referat eines Staatsfunktionärs "spontan" davon überzeugen, daß es für ihren Betrieb nichts Vorteilhafteres als die Staatsbeteiligung geben kann. Sie setzen ebenso "spontan" vor dem Publikum ihre Unterschrift unter einen entsprechenden Vertrag, loben die "großartigen Perspektiven", und finden tags darauf ihre "Erleuchtungen" in der gesamten Zonenpresse wieder. Es mehren sich freilich die Beteuerungen, die Staatsbeteiligung bezwecke nicht etwa, den bisherigen Inhaber "auf kaltem Wege hinauszuwerfen". Allerdings läßt man trotz der Versicherung, niemand solle zu seinem Glück gezwungen werden, keinen Zweifel daran, daß nur die Staatsbeteiligung die Möglichkeit eröffne, "in die sozialistische Ökonomik einzumünden", das heißt, für eine nur noch begrenzte Zeit das nackte Dasein zu retten.

Zieht man dann noch in Betracht, daß ein Leitartikel des Zentralorgans "Neues Deutschland" dieser Tage die auf dem Moskauer Parteitag vorgetragenen wirtschaftlichen Thesen und Pläne als verbindliche Richtlinien für die Sowjetzone würdigt, "auch dann, wenn die Bedingungen andere sind, als in den betreffenden Produktionszweigen der Sowjetunion", so gehört wohl keine Prophetengabe zu der Voraussage, daß nach dem Willen der roten Machthaber die letzten Stunden der Privatwirtschaft in Mitteldeutschland angebrochen sind. Schon das merkliche Zurücktreten der Privatbetriebe auf der Leipziger Messe war ein Alarmsignal; noch im vorigen Jahr hatte man geglaubt, an diesem Treffpunkt von Ost und West wenigstens noch den Schein wahren zu müssen. Jetzt fühlt man sich offenbar stark genug, auf solchen Schein verzichten und ohne viel Umstände zur öffentlichen Strangulierung der nicht "sozialistischen" Wirtschaft schreiten zu können. Georg Gnieser