Deutlicher noch als die Vertreter der achtzehn sozialdemokratischen Parteien Europas es vor vierzehn Tagen in Zürich taten, hat der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, Willy Brandt, auf einer Kundgebung der Hamburger Jungsozialisten im Namen der deutschen Sozialdemokratie das kommunistische Angebot einer "Aktionseinheit" zurückgewiesen. Aktionseinheit, Einheitsfront, Volksfront – seien nur verschiedene Namen für das gleiche betrügerische Manöver, von dem schon Lenin gesagt habe, es sei dazu da, den Bundesgenossen zu stützen "wie der Strick den Gehenkten". Wenn den Kommunisten ehrlich an einer Aktionseinheit gelegen sei, warum hätten sie dann beispielsweise in Finnland die Wahl eines sozialdemokratischen Präsidenten verhindert und einem Agrarier, Kekkonen, ihre Stimme gegeben?

In dem Wunsch nach Frieden (aus Furcht vor einem kollektiven Selbstmord mittels Wasserstoffbombe) sieht Willy Brandt dagegen mehr als ein taktisches Manöver. Echt und nicht nur taktisch seien auch die Wandlungen der inneren Struktur der Sowjetunion: "Die Industrialisierung hat neue Schichten entstehen lassen, und diese neuen Schichten haben ihre eigenen Sehnsüchte und Wünsche. Daraus mag sich der Versuch ergeben haben, in die Stalinische Bürokratie auch rechtliche Gesichtspunkte einzufügen – und sei es auch nur dem besseren Funktionieren des wirtschaftlichen Apparats zuliebe." Wandlungen in der Diktatur aber, so erklärte Brandt mit Nachdruck, seien noch lange keine Wandlungen zur Freiheit. Ganz gewiß aber reichten sie nicht aus, um ein Bündnis zwischen Kommunisten und freien Sozialisten zu ermöglichen. Nicht Bündnis, sondern "Auseinandersetzung" sei daher die Parole der Sozialdemokraten. "Wir müssen dem Osten unser eigenes Thema stellen", erklärte Brandt, "unser Platz ist an der Seite der Unterdrückten in ihrem Kampf gegen die Unterdrücker."

In der Tat kann eine Sozialdemokratie, die, wie Willy Brandt es nennt, "die Grundwerte ihrer freiheitlichen Existenz ernst nimmt", auf das kommunistische Bündnisangebot gar nicht anders reagieren. Sie muß, wenn sie konsequent ist, mehr sein als nur ein Bollwerk der Freiheit. Sie muß, wenn sie vom Geist des unvergessenen Berliner Bürgermeisters der Blockadezeit, Ernst Reuter, erfüllt ist, nicht in der Defensive steckenbleiben. Freier Sozialismus, das heißt, dem Kommunismus die von diesem zu Unrecht geführte Fahne des Kampfes gegen Entrechtung und Unterdrückung entreißen. Also alles andere als "Aktionseinheit". Die Arbeiter Berlins haben das sehr gut begriffen. Es brauche nur irgendwo am Wedding in einer Arbeiterversammlung das Wort von den "beiden Arbeiterparteien" zu fallen, und schon werde der Sprecher niedergeschrien. Die Berliner wissen genau, daß die SED keine "Arbeiterpartei" ist.

Wie aber steht die SPD zur Frage eines Kontakts mit Pankow? "Wir finden es vernünftiger, nicht mit dem Portier zu verhandeln, sondern mit dem Hausherrn", erklärte Willy Brandt. Ein Zwischenrufer wollte wissen, ob Bonn nicht auch nur ein "Portier" der westlichen Hausherren sei. In ruhigem Ton wird diese Herausforderung erledigt: "Die SPD hat der Bonner Regierung häufig vorgeworfen", sagt Brandt, "daß sie nicht genügend selbständige Politik treibe, aber jeder geht in die Irre, der nicht die grundlegenden Unterschiede zwischen den beiden Staatsgebilden beachtet. In der Bundesrepublik können die Kräfte miteinander ringen ... Das Pankower Regime aber wirft jeden, der anderer Meinung ist, ins Gefängnis."

Und wie ist es mit Gesprächen auf der höchsten Stufe? – Wir müssen die diplomatischen Kontakte ausnutzen, aber wir können uns keinen Moskauer Alleingang unter Ausschaltung des Westens leisten, ist Brandts Antwort. – "Als Mann, dem Verantwortung in Berlin aufgetragen ist, kann ich niemals vergessen, wer uns dort gequält und wer uns... geholfen hat."

Solche Sätze sollten diejenigen beruhigen, die der SPD eine "außenpolitische Reise ins Blaue" zutrauen, und auch gegen die Forderung Willy Brandts, daß die Deutschen ihren eigenen Kopf in der Wiedervereinigungsfrage anstrengen müssen, statt dies anderen zu überlassen, wird niemand in Bonn, Washington, London oder Paris etwas einzuwenden haben. G. v. Uexküll