Heere von Arbeitern bauen Peking um – Eine der schönsten Städte der Welt wird häßlich

Peking‚ im März

Es war völliger Wahnsinn, die Hauptstadt Chinas von Nanking wieder nach Peking zu verlegen", erklärte mir fröstelnd ein indischer Diplomat. ‚Ganz abgesehen von der Lage, so daß die diplomatischen Kuriere nach Hongkong drei Tage und drei Nächte lang zu reisen haben: das Klima ist eines der abscheulichsten der Welt. Im Sommer so glutheiß, daß wir mit Sehnsucht an unsere Tropenhitze von Delhi denken; im Winter so eisig kalt, daß man selbst im dicksten Mantel noch fröstelt. Dann ein Frühling, in dem die Winde aus der Mongolei den Staub der Ebene zu einer so dicken Wolke aufwirbeln, daß man kaum die Sonne mehr sieht."

Aber da ist eben nichts zu machen: Peking ist mit seinen 3,3 Millionen Einwohnern die Hauptstadt Chinas. Die goldenen Dächer der verbotenen Stadt sind vom Gras, das sie überwucherte, gereinigt, manche ihrer Heiligtümer frisch gestrichen worden. Wenn auch unentwegt über die alte "feudale" Zeit geschimpft wird, so werden doch ihre Monumente als Ausdruck einer großen imperialen Vergangenheit geschätzt und gepflegt, unbeschadet des ideologischen Widerspruchs, genauso wie die Restauration der Maler ausgerechnet an Tempeln und Moscheen begonnen hat, die man doch ihres Inhalts zu berauben trachtet. Peking ist damit aus einem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf auf einmal wieder zu neuem Leben erwacht. Nicht mehr Schanghai, die internationale Handelsstadt, ist das pulsierende Herz Chinas, ja, nicht einmal mehr seine Werkstätte. Seine Spezialisten werden aus seinen Fabriken abgezogen, und ins Innere, nach Lantschau oder in die Provinz Sinkiang verfrachtet, wo aus dem Nichts neue Industriestädte erstehen sollen. Und das Zentrum dieses neuen, staatlich dirigierten und organisierten Aufbaues ist Peking, sind seine Ministerien und Institute, die pilzartig an seiner Peripherie aus dem Boden schießen.

Es ist klar, daß dies das Ende des alten Peking bedeutet, jener Museumsstadt, die vor der kommunistischen Machtergreifung die romantischen Schwärmer als die schönste Stadt der Welt bezeichneten und zur Wahlheimat erkoren. Wenn sie von den Zaubern der alten Zeit erzählen – meist nicht mehr in Peking, sondern an den verschiedene! Orten, wohin sie der Sturmwind zerblasen hat – so leuchten ihre Augen auf. Es ist besser, sie kehren nicht zurück. Zwar sind die alten Mauern längs der schmalen, gewinkelten Gäßchen noch vorhanden Noch immer öffnen sich geheimnisvolle Tore mit leuchtend roten Türen und den wunderbar ziselierten runden Höckern auf der Schwelle. Selbst die ärmste Hütte wirkt manchmal von außen wie ein Palast. Manchmal auch öffnet sich eine verwitterte schmucklose Tür auf einen Hof voll der erlesensten Kostbarkeiten, fast wie im Märchen. Aber all das ist zum Untergang bestimmt.

Es ist klar, daß die Kapitale eines modernen chinesischen Staates und eine Museumsstadt nicht zu vereinen sind. Zwar gibt es eine Gruppe chinesischer Architekten, die der Ansicht sind, daß sich das Dilemma durch den Bau einer modernen Stadt außerhalb der Mauern der alten Stadt lösen ließe, etwa so ähnlich wie die Franzosen in Marokko durch den Bau von separaten Europäervierteln den Charakter der alten Medinas unangetastet zu bewahren wußten. Aber diese Schule ist gegenüber einer radikaleren ins Hintertreffen geraten, die der Ansicht ist, diese engen Gäßchen und Tore seien eigentlich nicht des Geschreies wert, den die sentimentalen Traditionalisten um sie anstimmen. Man kann nur mit größter Mühe mit dem Auto durchfahren, und auch in hygienischer Beziehung lassen die alten Häuser, zum großen Teil sogar ohne fließendes Wasser, sehr zu wünschen übrig. Also weg damit. Nur die "wertvollen Monumente" sollen bewahrt werden, das heißt die neugestrichenen Tempel, die kaiserlichen Paläste und die Stadttore. Ob die Mauern mit ihren Zinnen stehenbleiben sollen, wird noch diskutiert.

Der Mann, der mir diese Dinge auseinandersetzte, war Herr Fong Khe-chuing, Direktor des städtischen Planungsamtes. Er ist erstaunlich jung, 31 Jahre alt, und als ich ihn nach seinen Qualifikationen für sein hohes Amt befragte, antwortete er mir, er habe sich seine Erfahrungen im revolutionären Kampf erworben, ohne je eine Hoch-, ja auch nur eine Mittelschule besucht zu haben. Er war nicht einmal Pekinese, sondern der Sohn von Bauern aus der Mandschurei.